Lettlandreise September 2001



Eine Reise in die Vergangenheit: Die Suche nach dem Grab meines Großvaters


7. Tag: Samstag, 15. September 2001


Punkt 8:30 Uhr kamen Ernst, Manfred, Herr Millers und der kleine Romans Bargais um mich abzuholen. Es ging zur letzten großen Tour nach Riga. Das Wetter war so schlecht wie nie zuvor. Es regnete in Strömen. Mit Karlis hatten wir uns bei der "Laima-Uhr", in der Nähe der Freiheitssäule, gegen 10:30 Uhr verabredet. Wir waren früher als geplant am vereinbarten Treffpunkt, so dass wir noch ein bisschen Zeit hatten. Nun fand ich auch endlich einige Postkarten, nach denen ich die Tage zuvor in jedem Geschäft, in das wir auch kamen, fragte.

Nachdem Karlis pünktlich eintraf und Herr Millers zurück in seine Wohnung in Riga ging, fuhren wir zunächst ins Kriegsmuseum. Dort waren viele Sachen aus dem 1. und dem 2. Weltkrieg, sowie der lettischen Freiheitsbewegung ausgestellt.

Danach fuhren wir in ein Lokal, weil wir langsam alle Hunger bekamen. Es handelte sich dabei um ein großes Blockhaus. Diese gigantische "Hütte" war eine einzige Schlemmer-Meile. Wir alle kamen aus dem Staunen nicht heraus, so groß war das Angebot. Krasser konnten die Gegensätze kaum sein. Auf der einen Seite das bescheidene Leben auf dem Land, auf der anderen Seite das Überangebot in der Stadt.

Nachdem wir dann alle gut "gefüttert" waren, fuhren wir in die Altstadt um diese zu besichtigen und uns dabei auch die Beine zu vertreten.
Gegen 16:00 Uhr trafen wir uns dann wieder mit Herrn Millers bei der "Laima-Uhr".
Anschließend trennten wir uns. Ernst, Manfred und Herr Millers wollten noch einen Bekannten in einem Altenwohnheim besuchen. Karlis, der kleine Romans und ich fuhren dann weiter zu Karlis` Wohnung, wo wir seine Frau Daiga und deren Neffen Kaspars abholten.

Nun ging es über Dzukste, wo Romans zu Hause ausstieg, weiter nach Lestene, zu Frau Lerche und deren Mann Guntis. Wir wollten ja noch einmal nach Paugibelas fahren. Guntis wohnte ja bis kurz vor Kriegsende nur zwei Kilometer weit von Paugibelas entfernt. Er kannte sich also in dieser Gegend noch sehr gut aus. Der Chrysler von Karlis war bis auf den letzten Platz besetzt. Vorne saßen Karlis und ich, dahinter Astrid, Guntis und Indra, die direkte Nachbarin von Astrid. Ganz hinten im Wagen saßen dann noch Daiga und Kaspars.

Indras Adresse hatte ich noch vor kurzem von Frtiz Brandt erhalten. Er war Ende Juli/Anfang August in Lettland, im Bereich Bauske, wo ebenfalls sein Vater gefallen ist. Bei einem Abstecher nach Dzukste und Lestene lernte er Indra kennen, die auch hervorragend Deutsch spricht. Er schickte mir nach seiner Rückkehr nach Deutschland ihre Adresse und so wurde mein Bekanntenkreis in Lettland schon vor meiner Abreise dorthin, immer größer. Und so ging es nun im vollbesetzten Auto über schlechte Feldwege noch einmal nach Paugibelas, zu diesem ehemaligen Gehöft, bei dem mit hoher Wahrscheinlichkeit am 27.12.1944 mein Großvater sein Grab fand. Gott sei Dank spielte das Wetter auch noch mit. Es regnete nicht mehr und ab und zu ließ sich sogar die Sonne für kurze Zeit blicken.

Wir fuhren dann den gleichen Weg, wie am Montag, als wir das erste Mal dort waren. Es war dann so gegen 19:00 Uhr, als wir in dieser Gegend ankamen. Wir hielten auch wieder an der gleichen Stelle an. Astrid, Guntis und Indra gingen dann zusammen mit mir hinaus auf die Wiese. Die anderen blieben beim Wagen zurück. Guntis ging voran und orientierte sich meist am Waldrand. Er deutete mir dann an, wo sich die Höfe damals ungefähr befanden. Die letzten Meter ging ich dann allein weiter, bis ich an der Stelle stand, wo sich der Hof Paugibelas befand und wo mein Großvater, nur wenige Meter davon entfernt, von seinen Kameraden zum letzten Mal gesehen wurde. Da stand ich nun, an der Stelle, nach der ich seit über zwei Jahren suchte, die mich fast jeden Tag beschäftigte. Ich stand da, allein mit meinen Gedanken. In der Hand einen kleinen Blumenstrauß, den wir noch kurz vorher auf Seski gepflückt hatten. Ich legte ihn in stillem Gedenken nieder. Und als ob der Himmel mir ein Zeichen geben wollte, ging in diesem Moment die Sonne hinter dem Waldrand unter, so schön hatte ich sie die ganzen Tage in Lettland noch nie gesehen. Man kann solche Momente nur verstehen und begreifen, wenn man sie selbst erlebt hat. Und dies war ein Erlebnis, das ich nie in meinem Leben vergessen werde. Auch ging mir immer wieder die Frage durch den Kopf, was hier an dieser Stelle wohl an diesem 27.12.1944 passierte. Eine exakte Antwort werde ich wohl nie erhalten. Aber ich denke, ich war ganz nah dran, am Grab meines Großvaters. Ich schaute mir dann die Landschaft rundherum noch einmal intensiv an und ging dann mit Astrid, Indra und Guntis zurück zum Wagen. Langsam ging es dann durch große Pfützen zurück Richtung Lestene. Ab und zu hielten wir kurz an, da uns Guntis noch einige Erklärungen zu diesem Gebiet gab.

Zu Hause bei Frau Lerche gab es dann noch einen kleinen Imbiss, in Form eines großen, selbstgebackenen Apfelkuchens, ehe ich mich dann von ihr, ihrem Mann Guntis sowie von Indra verabschiedete.

Da Daiga und Kaspars mittags noch nichts gegessen hatten, fuhren wir noch einmal in das Lokal, in dem wir zu Beginn unseres Aufenthaltes schon einmal waren.

Nachdem wir dann in Seski angekommen waren, heizte Karlis noch die Sauna an und wir schwitzten uns zum Ausklang noch mal ordentlich aus.



Michael Molter

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