Gegenstoß in Kurland


Wieder einmal versuchte der Iwan - wie schon zweimal zuvor in der 1. und 2. Kurland-Schlacht - sein Ziel zu erreichen und die Heeresgruppe Nord von ihrer Nachschubbasis an der Ostsee zu trennen, um endlich eine Kapitulation zu erzwingen. Aber es blieb wie immer ein Versuch, welcher kurz vor Weihnachten 1944 begann und als 3. Kurland-Schlacht in die Geschichte eingehen sollte.

Kleinere Geländeverluste gab es immer. Auf die einen konnte man verzichten, weil sie nicht von strategischer Bedeutung waren. Andere Gebietsverluste mussten - weil für uns wichtig - im Gegenstoß möglichst wieder in unsere Hände gebracht werden. So erging dann auch am 23.12.1944 - wir hatten uns schon auf eine ruhige Weihnachtszeit eingestellt - an unsere Kompanie der Befehl: "Stosskompanie fertig machen zum Gegenangriff." Nachdem die Hauptstossrichtung der Russen Frauenburg (Saldus) war und wir aber ein ganzes Stück entfernt in Dzukste lagen, versuchte er es sehr heftig auch in unserem Abschnitt. Wir wurden auf LKW verladen, um schnellstmöglich in den Bereitstellungsraum zu gelangen. Andere Einheiten, welche zu Fuß waren und in die gleiche Richtung strebten, überholten wir. Unterwegs verließen wir die LKW und wechselten auf zwei bereitstehende Sturmgeschütze, mit denen wir in die endgültige Bereitstellung fuhren. Leider war diese vom Iwan einzusehen, der uns gleich aus allen Rohren begrüßte. Dort hatten wir die ersten Ausfälle. Zum Glück nur Verwundete und mancher war trotz allem froh, den so beliebten Heimatschuss endlich erhalten zu haben.
Aufgrund dessen, wurde der sofortige Angriff befohlen. Es war Nachmittag, der 23.12.1944. Es lag hoch Schnee und wir kamen in der Spur der Sturmgeschütze trotzdem gut voran. Leider konnten wir das Tempo nicht mithalten und der Abstand wurde immer größer. Bei einem Schiessstop holten wir wieder auf. In der unmittelbaren Nähe der Geschütze fühlten wir uns doch etwas wohler, vor allem vor Infanteriebeschuss. Leider half dies aber nichts gegen das, was von oben kam. Ein starker Granatwerferbeschuss und gelegentlich auch Stalinorgeln begleiten uns schon den ganzen Weg. Bei besagtem Stop passierte es nun auch mit mir. Ich war als MG-Schütze 2 eingeteilt und musste zwei volle Munikästen schleppen. Vor unserem Abmarsch hatte ich mir noch schnell aus Gurten eine Tragemöglichkeit gefertigt, so dass das Gewicht mehr auf den Schultern lag und nicht so sehr in die Arme ging, was auf Dauer recht ermüdend war. Ein Grantwerfereinschlag links von mir, keine 50 cm entfernt, verpasste mir einen starken Schlag in die linke Seite, direkt auf das Koppel und im Nu hing alles was man so als Soldat mitschleppen musste, lose an mir herunter. Eigenartigerweise fühlte ich keine Schmerzen, auch von Blut war nichts zu spüren. Ein Handteller großes Loch in meinem Tarnanzug sagte aber, dass etwas passiert war. Anders bei meinem Zugführer, der erst ein paar Tage bei uns war und von der gleichen Granate etwas abbekam, war vorn voll von Blut. Er wurde von einem Splitter unterhalb des Kinns gestreift und blutete heftig. Ein Notverband stillte etwas den Fluss. Leider wurde das Sturmgeschütz inzwischen auch noch von der PAK abgeschossen.
Meine Kameraden rückten weiter vor. Mit ihnen auch das russische Sperrfeuer. Nach einiger Zeit konnten wir auch unbeschadet den Verbandsbunker erreichen. Meine beiden Munikästen blieben an der Stelle der "Verwundung", die aber gar keine war, wie sich später herausstellte, liegen, was aber Folgen haben sollte. Im Bunker wurde ich aufgefordert die Stelle frei zu machen, an der der Eindringling den Weg in mein Inneres gesucht hatte. Aber anscheinend hatte ihn die Kraft verlassen und blieb - wie sich hörbar herausstellte - in meinen Klamotten stecken, denn ein Splitter in Größe eines zwei Euro-Stückes fiel zu Boden. Keine Verletzung der Haut, aber später ein riesiger Bluterguss, als Ergebnis des Irrtums.

Die echte Verwundung kam etwas später, am 24.01.1945. Auch diesmal durch Naheinschlag. Für einen Heimatschuss hatte es gereicht. Ausheilung im Reserve-Lazarett Delmenhorst.

Bevor ich mich auf den Weg zur Kompanie machte, suchte ich mir noch aus einem Berg von Ausrüstungsgegenständen, welche einmal den Verwundeten gehörten, ein passendes Koppel aus. Ich konnte noch sehen, dass Kameraden von mir den Schützen Mangold anschleppten, der aber kurz danach verstarb.

Nachdem sich die Kompanie wieder gesammelt hatte, erfuhr ich auch von dem Fehlschlag der Aktion. Mein Chef fragte mich auch gleich nach der Munition, die ich trug. Es handelte sich um Messingmunition, welche nur für MG's benutzt werden durfte und sehr wertvoll war. Als ich ihm erklärte, dass die Kästen an der Stelle liegen geblieben seien, wo die vermeintliche Verwundung geschehen war, erwiderte er nur, dass morgen früh die Munition wieder da sein sollte. Wie ich das anstellen würde, sei meine Sache. Jetzt war ein Kriegsrat nötig. Meinem Freund Albert, der das Gespräch zwar gesehen, aber nicht verstanden hatte, erzählte ich was mir bevorstand, weil er neugierig darauf war, was der Alte von mir wollte. Seine Antwort war: "Das erledigen wir gemeinsam. Heute Nacht, zwischen 2 und 3 Uhr, wenn die Posten zu dösen pflegen, gehen wir raus."

Das abgeschossene Sturmgeschütz, in dessen Spur wir vorkrochen, gab uns die nötige Deckung, denn unser Ziel lag höchstens 50 m vor der russischen Stellung. Ein einsetzender Schneefall kam uns auch noch zu Hilfe. Wir fanden auch gleich wieder die Kästen. Ein Zeichen, dass der Iwan das Geschütz noch nicht untersucht hatte, denn sonst hätte er auch die Munition mitgenommen, um sie für seine Beutewaffen, die auch er gelegentlich benutzte, zu verwenden. Jeder befestigte am Tragegriff eine Leine, die wir vorsichtshalber mitgenommen hatten und zogen uns ein Stück zurück und legten uns in einen Granattrichter, wo dann jeder eine Kiste Hand über Hand heranzog. Natürlich hatte ein wachsamer Posten die Schleifgeräusche im Schnee gehört und gleich kam auch wieder der Segen von oben. Aber dies hatte uns nicht mehr geschadet, denn wir waren schon in Sicherheit.

Eine Genugtuung hatte ich mir dem Alten gegenüber doch noch geleistet. Ich hatte nicht bis zum Wecken gewartet, sondern hatte ihn wach gemacht, um "Befehl ausgeführt" zu melden, was er wütend zur Kenntnis nahm...


Ernst Baumann,
damals 18 Jahre alt und
Schütze in der Stosskompanie, Grenadier-Regiment 272 der 93. Infanterie-Division




Erlebnisbericht 1:
"Gegenstoß in Kurland"
Erlebnisbericht 2:
"16. Februar 1945"
Erlebnisbericht 3:
"Kartoffelbunker"
Erlebnisbericht 4:
"Panzerdurchbruch"
Erlebnisbericht 5:
"Mein letzter Einsatz in Kurland"
Erlebnisbericht 6:
"Erlebnisse eines estnischen Luftwaffenhelfers"
Erlebnisbericht 7:
"Als Luftwaffenhelfer im Kurland-Kessel"
Erlebnisbericht 8:
"Beginn der Gefangenschaft in Kurland"
Erlebnisbericht 9:
"Persönliche Erinnerungen von Friedrich Horstmann"
Erlebnisbericht 10:
"Zug- und Kompanieführer im Kurland-Kessel"
Erlebnisbericht 11:
"Militärische Stationen von Günter Schlagmann - 126. Inf.- Div."
Erlebnisbericht 12:
"Gefangenschaft im Schoß von Väterchen Russland"
Erlebnisbericht 13:
"Stafversetzung nach Kurland"
Erlebnisbericht 14:
"Einsatz in der Nahkampfdiele"
Erlebnisbericht 15:
"Harald Kägebein schreibt über seinen vermissten Onkel"
Erlebnisbericht 16:
"Wilhelm Hopp beschreibt die ersten Tage in Gefangenschaft"
Erlebnisbericht 17:
"In russischer Kriegsgefangenschaft, von Otto Solbach"
Erlebnisbericht 18:
"Alfons Wohlgemuth über einen Gegenstoß bei Preekuln"
Erlebnisbericht 19:
Dokumente des Obergefreiten Anton Seitz
Erlebnisbericht 20:
"Erlebnisse, die man nie vergisst - Rudi Richter"


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