Als Luftwaffenhelfer im Kurland-Kessel


Im Februar 1944, als die deutsche 18. Armee sich von der Leningrader Front zurückzog, wurden alle estnischen Streitkräfte, die bisher an den russischen Fronten kämpften, an der Ostgrenze Estlands konzentriert. Mit vereinten Kräften wurde der Einmarsch der Roten Armee nach Estland entlang der Linie des Narvaflusses gestoppt.

Aus Rache begannen die sowjetischen Fliegerkräfte mit der Bombardierung der estnischen Städte und Siedlungen. Die Grenzstadt Narva wurde völlig zerstört.
Am 9. März wurde Tallinn von etwa 300 russischen Bombern bombardiert, so dass ein Drittel der estnischen Hauptstadt zerstört wurde. Es folgten Luftangriffe auf die anderen Städte Estlands. Weil die Front ständig neue Kräfte brauchte, schickte man jetzt Luftabwehrsoldaten der deutschen Luftabwehrtruppen, die estnische Städte verteidigten, an die Front. An die Stelle der Luftabwehrsoldaten setzte man 17-jährige estnische Schuljungen als Luftwaffenhelfer ein.

Ich wurde im August 1944 einberufen. Ich diente in der 127. Flak - Abteilung der 6. Flak - Division, die sich in meiner Heimatstadt Pärnu (Pernau) befand. In dieser Flak - Abteilung gab es zwei schwere Batterien (88 mm), vier leichte Batterien (37 und 20 mm. ) und vier Scheinwerfer-Züge. Estnische Luftwaffenhelfer gab es in dieser Einheit etwa 260.

Im September 1944, als die 18. deutsche Armee den Rückzug aus Estland antrat, verliess auch unsere Abteilung Pärnu. Wir nahmen mit drei leichten Batterien unserer Abteilung Feuerposition in der Nähe der Siedlung Ruhja (Rujiena) in Lettland ein. Unsere 2 schweren Batterien fuhren geradeswegs nach Riga. Am 23. September kam die Front nach Ruhja, und unter dem Kanonenfeuer der Russen zogen wir uns zum Bahnhof Mazalatsa zurück und von dort fuhren wir mit dem Massentransportzug nach Riga. In Riga hielten wir uns zwei Wochen auf. Unsere Flak-Abteilung nahm eine Verteidigungsstellung bei der Stadt Riga und den Brücken über die Flüsse Daugava und Lielupe ein. In dieser Zeit fanden mehrere Luftangriffe der Russen auf Riga statt, an deren Abwehr alle unsere Batterien teilnahmen. Am 7. Oktober rückten Einheiten der Roten Armee bis nach Riga vor, und unsere 127. Flak-Abteilung zog sich von Riga nach Tuckums zurück. Dort luden wir unsere Flakkanonen auf die Zugplattformen, um nach Deutschland zu fahren. Gleichzeitig drang in Litauen ein Panzerkeil der Roten Armee bis zur Ostsee vor und schnitt damit die Landverbindung zwischen Kurland und Deutschland ab. Wir waren im Kurland-Kessel geblieben. Jetzt wurde unser Massentransportzug in die Hafenstadt Windau (Ventspils) geleitet.

In Windau bezog unsere Abteilung eine Verteidigungsstellung beim Hafen und in der Stadt. Jeden Tag flogen russische Aufklärungs- und Jagdflugzeuge über die Stadt, die wir dauernd beschießen mussten. Am 10. Oktober wurden die Stadt und der Hafen von russischen Bombern mehrere Stunden lang in aufeinanderfolgenden Wellen bombardiert. Ein grosser Frachter im Hafen bekam einen Volltreffer. In der Stadt wurden viele Gebäude zerstört.

Gleichzeitig waren auch noch Kämpfe auf der Halbinsel Sworbe in Estland im Gange. Am 25. Oktober bekamen 4 unserer leichten Batterien, wo auch etwa 70 estnische Luftwaffenhelfer dienten, den Befehl, zum Hafen Windau zu fahren und dort ihre Kanonen auf die Fähren der Landungstruppen zu laden. Um Mitternacht verliessen 9 Fähren mit voller Last den Hafen und am Morgen landeten wir am Sworbe-Strand. Auf Sworbe nahmen unsere Batterien als Kanonenzüge Stellungen zur Verteidigung der Küstenlinie und des Hafens ein. Die russischen Truppen waren auf Sworbe sowohl an Zahl der Männer, als auch an schweren Waffen 8 - 10 mal überlegen. Unsere Luftwaffenbatterien lieferten sich ständig Schlachten mit den russischen Jagdflugzeugen. Gleichzeitig versuchten ihre Kanonenboote Landungsoperationen in die Etappe zu machen, die aber alle von unseren Luftabwehrbatterien zurückgeschlagen wurden.

Am 18. November begannen die Divisionen der Roten Armee eine Grossoffensive. Heftiges Schiessen aus 900 Kanonen auf die schmale Halbinsel dauerte beinahe zwei Stunden. Dieser Angriff wurde von russischen Kriegsschiffen vom Meer her und von hunderten Flugzeugen aus der Luft unterstützt. In der Luft bekamen die "Rotadler " die völlige Überlegenheit. Am 21. November wurden auch alle Luftabwehrbatterien, die man zur Verteidigung der Etappe benutzt hatte, an die Gefechtslinie gebracht. Von See her wurden die deutschen Einheiten von den Kriegsschiffen "Lützow" und "Prinz Eugen" unterstützt. In diesen Schlachten kamen aus meinem Zug Unteroffizier Heinz Krause (aus Berlin) und Obergefreiter Schiele (an den Vornamen kann ich mich nicht mehr erinnern) ums Leben . In der Nacht zum 23. November begann die Evakuierung der Truppen auf Sworbe mit Schiffen nach Kurland. Der Abtransport der Einheiten verlief unter dem heftigen Kanonenfeuer der Russen, viele Männer wurden dabei verwundet oder kamen ums Leben. Vor dem Rückzug wurden alle schweren Waffen und Panzerwagen vernichtet. Wegen des heftigen Sturmes gingen etwa 30 Schiffe und Fähren unter, die von Kurland aus zum Abtransport der Sworbe-Truppe geschickt worden waren. Deshalb waren die Schiffe, die Sworbe verliessen, überladen. Auch auf dem Meer wurden die Schiffe von russischen Flugzeugen angegriffen. Am Morgen des 24. November kamen wir glücklich im Hafen von Windau an. Dort setzten wir unseren Dienst fort. Wir lieferten uns Gefechte mit den russischen Jagdflugzeugen und Bombern, die die Stadt und den Hafen angriffen. Anfang März 1945 wurden zwei Batterien unserer Flak-Division zur Verteidigung des Schlosses Pelsche, in die Nähe der Stadt Kuldiga (Goldingen) geschickt. Im Schloss befand sich der Generalstab der Heeresgruppe NORD. Das Schloss wurde nachts ständig von den russischen Nachtbombern PO-2 mit ausgeschalteten Motoren angegriffen, aber dank unseres dichten Sperrfeuers bekam das Schloss keinen einzigen Treffer.

Die Heeresgruppe Kurland kapitulierte am 8. Mai 1945. Nachdem sie die Waffen dem Feind übergeben hatten, begannen etwa 5000 Männer, die sich von der Front beim Schloss Kuldiga versammelt hatten, den Fussmarsch ins Gefangenenlager Vainode an der litauischen Grenze. Dort angekommen, wurden alle Militärs estnischer, lettischer und polnischer Herkunft von den Deutschen getrennt und es folgte ein 150 km langer Fussmarsch zusammen mit den Männern der 19. lettischen Division und den russischen Kriegsgefangenen, die in deutsche Gefangenschaft geraten waren, ins Lager Mitau. Dort wurden wir, sechs estnische Luftwaffenjungen, etwa 600 Letten und ebenso viele russische Kriegsgefangene, in vergitterte Viehwagen geladen und in ein Gefangenenlager am Weissen Meer gebracht. Dort blieben wir bis Ende Oktober. Wir gingen jeden Tag zur Arbeit. Zu Essen bekamen wir pro Tag 300 g Brot und aus Nesseln gekochten Mehltrank. Anfang November wurden wir zum Hafen Molotovsk gebracht, wurden dort im dunklen Laderaum eines grossen Frachters eingeschlossen und am nördlichen Eismeer entlang, zum Hafen Jenissei gebracht. Von dort fuhren wir auf offenen Zugplattformen durch die Tundra in die etwa 300 km nördlich vom Polarkreis gelegene Industriestadt Norilsk.

Norilsk war damals ein Konglomerat von etwa 35 Gefangenenlagern mit ca. 100 - 120 tausend Gefangenen. Die Lebensverhältnisse waren dort äusserst hart. Im Winter gab es 50 bis 65 Grad Kälte, und es tobten oft heftige Schneestürme. Das Essen war sehr dürftig. Es gab fast keine medizinische Hilfe. Sehr viele Männer starben an verschieden Krankheiten, besonders an Lungentuberkulose. Gross war die Sterblichkeit unter den Männern der 19. lettischen Division.

Entlassen wurde ich mit 5 estnischen Luftwaffenjungen und etwa 60 Letten aus dem Lager Norilsk gegen Ende des Jahres 1946. Wir wurden mit dem Schiff nach Archangelsk gebracht und von dort mit der Bahn weiter nach Estland. Man schickte mich in ein Arbeitsbataillon in Narva. 1947 begannen wir mit dem Bau der Stadt Sillamäe und des Urananreicherungsbetriebes. Zurück nach Hause kam ich erst im Jahre 1949.

Über diese Ereignisse habe ich zwei Bücher geschrieben - "Tules ja pakases" ( Im Feuer und Frost ) und "Eesti koolipoisid Teises maailmasõjas" (Estnische Schuljungen im Zweiten Weltkrieg).


Vaino Kallas (ganz rechts) im Kreise seiner Kameraden
Vaino Kallas (ganz rechts) im Kreise seiner Kameraden



Luftwaffenhelfer Kanonier Vaino Kallas,
Damals 17 Jahre alt




Erlebnisbericht 1:
"Gegenstoß in Kurland"
Erlebnisbericht 2:
"16. Februar 1945"
Erlebnisbericht 3:
"Kartoffelbunker"
Erlebnisbericht 4:
"Panzerdurchbruch"
Erlebnisbericht 5:
"Mein letzter Einsatz in Kurland"
Erlebnisbericht 6:
"Erlebnisse eines estnischen Luftwaffenhelfers"
Erlebnisbericht 7:
"Als Luftwaffenhelfer im Kurland-Kessel"
Erlebnisbericht 8:
"Beginn der Gefangenschaft in Kurland"
Erlebnisbericht 9:
"Persönliche Erinnerungen von Friedrich Horstmann"
Erlebnisbericht 10:
"Zug- und Kompanieführer im Kurland-Kessel"
Erlebnisbericht 11:
"Militärische Stationen von Günter Schlagmann - 126. Inf.- Div."
Erlebnisbericht 12:
"Gefangenschaft im Schoß von Väterchen Russland"
Erlebnisbericht 13:
"Stafversetzung nach Kurland"
Erlebnisbericht 14:
"Einsatz in der Nahkampfdiele"
Erlebnisbericht 15:
"Harald Kägebein schreibt über seinen vermissten Onkel"
Erlebnisbericht 16:
"Wilhelm Hopp beschreibt die ersten Tage in Gefangenschaft"
Erlebnisbericht 17:
"In russischer Kriegsgefangenschaft, von Otto Solbach"
Erlebnisbericht 18:
"Alfons Wohlgemuth über einen Gegenstoß bei Preekuln"


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