Bericht über einen Gegenstoß bei Preekuln
am 17. Februar 1945



In der "Geschichte der 126. rheinisch-westfälischen Infanterie-Division 1940 - 1945" von Gerhardt Lohse (Podzun-Verlag 1957) steht auf Seite 200 bezüglich der Kampfhandlungen kurz vor dem Beginn der 5. Kurlandschlacht folgender Abschnitt:

"Die feindlichen Angriffe am 15. und 16.2., die sich vor allem gegen die Stellungen südlich Preekuln (GR 422) richteten, waren schwächer als erwartet. Dennoch setzte General Hähling in dem Bestreben, möglichst jedes Risiko zu vermeiden, die wenigen der Division noch zur Verfügung stehenden Reserven zur Bereinigung örtlicher Einbrüche und zur Stützung besonders bedrohter Abschnitte ein. Auch das II./GR 426 wurde aus seinem Abschnitt im Rahmen des Regiments herausgelöst und zum Gegenangriff auf einen verlorenen Stellungsteil südlich Preekuln eingesetzt und dabei so gut wie aufgerieben. Meldungen der eigenen Aufklärung über weitere Angriffsabsichten des Gegners wurden nicht ernst genommen."

"…so gut wie aufgerieben," das heißt doch, dass von diesem Einsatz niemand zurück kam und nicht bekannt ist, ob es Überlebende gegeben hat.

An dieser Kampfhandlung war ich selbst damals als 19-jähriger VB-Funker beteiligt und bin als einer der vermutlich letzten drei, dann nur noch zwei Überlebenden dieser Aktion in russische Gefangenschaft geraten.

Im Folgenden möchte ich den Ablauf des Geschehens aus meinem eigenen Erleben schildern.

Zunächst ein paar Worte zu meiner Vorgeschichte: Ich war im März 1944 nach Kriegsabitur in Allenstein (Ostpr.) zur Marine (22. Schiffs-Stammabteilung) nach Beverlo (Belgien) einberufen worden und kam nach der Grundausbildung Ende Juli zum Heer mit einem Truppentransport über die Ostsee nach Riga, von dort weiter zur 126. I.D., die damals auf dem Rückzug im Osten Lettlands bei Gulbene (Schwanenburg) eingesetzt war. Dort in vier Wochen zum VB-Funker ausgebildet, der 7. Batterie des A.R. 126 zugeteilt, in dieser Eigenschaft bei den Kämpfen auf dem Rückzug durch Lettland (Ergli-Madona) und dann in Kurland eingesetzt, im Okt./Nov. südlich Libau, dann im Dezember im Kampfraum Skrunda/Rudbarzi (Höhe 107,7), danach Paplaka und seit Anfang Februar bei Preekuln (lettisch Priekule). Unser VB-Team bestand wie üblich aus drei Mann, der VB war Uffz. Schwegmann (meiner Erinnerung nach Friseurmeister aus dem Ruhrgebiet, evtl. Gelsenkirchen), dann als Funker Stabsgefr. Franz Kellenter aus Höngen bei Aachen, mit reichlich Fronterfahrung, und der dritte Mann war ich.

Eigentlich zur 7. Batt. des A.R.126 gehörig, waren wir seit November als VB-Trupp an die S.I.G.-Batt. (schwere Infanterie-Geschütze) ausgeliehen, bzw. kommandiert, so auch am 16./17. Februar 1945.
Wir hatten wenige Tage zuvor in General Hähling einen neuen Divisionskommandeur bekommen. Am 16. Februar befanden wir uns mit der Batterie in Stellung unmittelbar nördlich von Preekuln am Hinterrand eines Wäldchens. Da erhielten wir drei den Befehl, uns für den Einsatz als VB bereit zu halten und uns abends um 22:00 Uhr am Schloss von Preekuln einzufinden. Wir überprüften unsere Funkgeräte auf Sendung und Empfang mit der Feuerstellung, gingen abends zum Schloss, wo eine größere Anzahl, etwa zwanzig Tigerpanzer standen und sich binnen kurzer Zeit ca. 200 Grenadiere vom II./GR 426 einfanden. Es wurde nicht laut gesprochen und es hieß, wir würden mit den Panzern zum Einsatz gefahren. Ich saß mit Franz am Fuße eines dicken Baumes am Boden; es war frostig, aber nicht übermäßig kalt. Wir mussten warten und unterhielten uns, was wohl auf uns zukommen würde. Wir waren durch mehrere frühere gemeinsame Einsätze befreundet. Es war für mich ein ungewohnter neuer Einsatz, denn bisher waren wir immer in Stellungen eingesetzt, wo wir bei der Abwehr feindlicher Angriffe den Einsatz unserer Artillerie lenkten. Diesmal aber waren wir selber am Angriff beteiligt. Franz sagte mir, ich sollte mich immer nur an ihn halten. Dann ließen die Panzer ihre Motoren warm laufen. Jeder Panzer nahm zehn Mann auf, die auf der Plattform hinter dem Turm aufsitzen mussten. Wir drei waren auf einem der vorderen Panzer, die mit uns in Reihe hintereinander die Straße vom Schloss nach Südosten stadtauswärts fuhren. Das war gegen zwei Uhr nachts, also schon am 17. Februar.

Es ging über eine Eisenbahnlinie und an einem Wald entlang auf einer Ausfallstraße in südöstlicher Richtung. Die Panzer überquerten die russische HKL am östlichen Stadtrand von Preekuln. Der Beschuss war zunächst gering, erst nur mit Handfeuerwaffen, dann auch mit Pak. Wir blieben unverletzt; nur bei Franz hat ein Granatsplitter den Absatz eines Stiefels abgerissen. Meiner Schätzung nach sind wir etwa drei bis vier Kilometer gefahren; dann hielten die Panzer an. Wir sprangen ab, die Grenadiere schwärmten nach beiden Seiten aus. Links der Straße kam Beschuss von einem MG, das etwa 100 m abseits der Straße auf einer geringen Anhöhe bei einem Bauernhaus in Stellung war. Davor war ein nicht sehr tiefer Graben ausgehoben, in den wir hineinsprangen. Die Panzer wendeten unten auf der Straße und fuhren zurück. Im Dunkeln erkannten wir vor uns einen kleinen Schuppen, aus dem zwei Russen herausgelaufen kamen, anscheinend ohne Waffen, einer schien verwundet. Franz schrie sie an "Stoi, ruki ver," und sie ergaben sich. Wir drangen in den Schuppen ein. Offenbar war das unser vorgegebenes Ziel, worüber unser Unteroffizier informiert war. Das Gelände war ja noch bis kurz zuvor in deutscher Hand gewesen. Der Schuppen hatte einen Grundriss von ca. 6 m x 6 m, der überirdische Teil mit Mauerresten, darunter ein Kellerraum mit tiefliegendem Eingang und drinnen seitlich drei durch Bretterwände abgeteilten Boxen, offensichtlich vorher Lagerräume für Kartoffeln und Rüben, jetzt im vorderen größeren Teil ein Tisch mit Telefonen. In die hintere Box mit einer zweistöckigen Schlafpritsche sperrten wir die beiden gefangenen Russen ein und verriegelten die Holztür. Wir bauten das Funkgerät auf, setzten die Antenne zusammen und postierten sie außen in der Kuhle, in der das russische MG stand und zu der man über eine kleine Leiter und durch ein halbmetergroßes Loch in der Mauer klettern konnte. Das wurde dann auch der Beobachtungsstand für Uffz. Schwegmann. Wir nahmen Funkverkehr zu unserer Batterie auf, erhielten aber keine Rückantwort. Alle weiteren Versuche blieben erfolglos. Draußen Gefechtslärm, unsere Grenadiere drangen in die russischen Stellungen ein. Wir gaben dann per Funk Situationsberichte durch, wenngleich wir nicht wussten, ob wir gehört wurden. Immer wieder wurde Rückmeldung angefordert, ohne Erfolg. Zeitweilig ebbte der Kampflärm ab. Grenadiere meldeten, dass sie russische Stellungen besetzt hätten, aber unter großen Verlusten. Der Sanitäter brachte zwei Verwundete in unseren Keller und versorgte sie. In einer Kampfpause holte ich den verwundeten Russen aus dem Verschlag; er hatte eine Schussverletzung am Brustkorb, konnte aber gut atmen; ich legte ihm einen Verband an und gab den beiden ihren Kanten Brot und später auch jedem eine Zigarette und verriegelte wieder die Tür. Mit Anbruch des Tages, als es hell wurde, sahen wir in über 100 m Entfernung einen Verwundeten auf dem Acker liegen und hörten ihn stöhnen. Der Sanitäter robbte zu ihm hin und schleppte ihn dann aufrecht zu uns, ohne dass er beschossen wurde. Dann nahm die Kampftätigkeit deutlich zu. Die Russen hatten wohl Verstärkung herangeholt und gingen zum Gegenangriff über. Wir gaben auf Verdacht, dass wir gehört würden, neue Meldungen durch und registrierten daraufhin Artillerieeinschläge hinter uns, aber auch die Russen setzten jetzt schwere Waffen ein. Einige Grenadiere kamen durch den kurzen Laufgraben zu uns und berichteten, dass sie die Stellung nicht mehr halten könnten, weil die anderen Kameraden und Offiziere schon gefallen seien, die einzige Chance sei, sich zurück durchzuschlagen. Außer den drei Schwerverwundeten waren wir noch 14 Mann in unserem Keller - darunter aber kein Offizier mehr. Einer der 14 meinte, wir müssten uns die ca. 250 m auf freiem Feld bis zum Waldrand durchschlagen; das könnte gelingen, wenn wir Feuerschutz hätten. Dazu sollten drei Mann dableiben und mit Handfeuerwaffen ununterbrochen auf die russischen Stellungen schießen, damit die Russen nicht aus der Deckung herauskämen: drei Mann, einer von dem VB-Trupp und zwei Grenadiere. Die Wahl fiel auf mich vom VB-Trupp, einen anderen ebenfalls 19-jährigen und einen weiteren etwas älteren Grenadier, der am Kopf durch Streifschuss verwundet war. Es war gegen zehn Uhr, da rannten die anderen los. Wir drei ballerten auf die russischen Stellungen, was das Zeug hielt. Die anderen liefen über das Feld, nur einer blieb getroffen liegen. Ich meine, es war der Sanitäter. Die anderen erreichten den Waldrand, dort aber wurden sie mit MG- und MP-Feuer empfangen, ich hörte laute Schreie, ich meine sogar die Schreie meines Freundes Franz Kellenter herausgehört zu haben. Dann war alles still, auch bei uns fiel kein Schuss mehr. Unheimliche Stille. Wir wussten, dass wir in Gefangenschaft kommen oder erschossen würden. Die Verwundeten stöhnten leise. Ihr Schicksal war ganz ungewiss. Die Tür nach draußen stand offen. Ich wusste nicht, ob wir rausgehen sollten und wir warteten ab. Da erschien plötzlich unten auf der Straße am Waldrand ein deutscher Panzer. Er hielt an, schoss nicht und wurde nicht beschossen. Deshalb vermuteten wir, es sei ein von Russen erbeuteter Panzer. Da drehte er schon wieder ab und verschwand. Einige Minuten später hörte ich draußen leise Geräusche, als wenn einer vorsichtig über Schotter geht. Ich schaute zur Tür, da sah ich von links her Atemhauch und dann ganz langsam ein spähendes bärtiges Gesicht, das schließlich mich erblickte und sich dann ganz schnell abdrehte und verschwand. Nur wenige Minuten später draußen raue Stimmen; und dann flog eine Handgranate vor den Kellereingang und explodierte. Einige Splitter trafen die Verwundeten, die aufschrieen.

Aber jetzt schrieen auch unsere russischen Gefangenen und riefen etwas auf Russisch ihren Kameraden zu. Wir ließen sie hinaus und dann wurden wir aufgefordert, durch die Luke, die zu der MG-Stellung nach draußen führte, heraus zu kommen, mit erhobenen Händen. Mit Maschinenpistole im Anschlag stand ein Sergeant mit mehreren anderen vor uns. Die Verwundeten unten stöhnten und schrieen. Der Sergeant ging runter, wir hörten seine MP knattern; dann war alles still. Er kam, legte die MP auf mich an, da redeten unsere beiden Gefangenen vehement gestikulierend auf ihn ein, und er ließ die MP sinken. Unsere Taschen wurden durchsucht, mein Rosenkranz auf den Boden geworfen. Immer mehr russische Soldaten tauchten auf. Wir wurden abgeführt, zunächst zu einem Frontverbandsplatz der Russen, wo wir zu dritt einen Schwerverwundeten, der auf einer rechteckigen Plane lag, aufnehmen und tragen mussten. Ein Fuß war weitgehend abgetrennt und hing nur noch an Weichteilen. Als wir ihn über ein Feld trugen, kam plötzlich Artilleriebeschuss in unsere Nähe. Wir warfen uns, wie gewohnt, zu Boden, wobei der Russe vor Schmerzen aufschrie. Er rief immer: "Tichoiko, tichoiko.".(Ich wusste nicht, was das heißt. Erst später, als ich etwas russisch lernte: "langsam, sachte, vorsichtig"). Wir erreichten einen Divisionsgefechtsstand auf einem Bauernhof. Dort wurden wir einzeln verhört, wobei ich unter Androhung von Erhängung - man zeigte mir einen Strick - auf einer Karte die Stellung unserer Batterie anzeigen sollte. Es war eine russische Karte und ich sagte, die könne ich nicht lesen. Da brachte man ein deutsches Messtischblatt. Ich sah die Straße, auf der wir von Paplaka nach Preekuln gekommen waren, fuhr mit dem Finger über die Karte, erkannte den Platz unserer Feuerstellung und zeigte dann auf ein Feld etwa 200 m links der Straße, während die Feuerstellung unserer Batterie sich in Wirklichkeit rechts der Straße am hinteren Rand eines Wäldchens befand.

(Später, nach der Kapitulation, begegnete ich in einem Gefangenenlager, wohin wir zum Entlausen gefahren wurden, zufällig dem "Spieß" unserer Batterie, der bei der Kapitulation am Kriegsende in Gefangenschaft gekommen war. Er war sehr erstaunt und erfreut, mich lebend anzutreffen. Er berichtete mir, dass von unserem Unternehmen am 17. Februar niemand zurückgekehrt sei, und erzählte, dass an diesem Tag ausgiebiger feindlicher Artilleriebeschuss auf das Feld links der Straße erfolgt sei, ohne besonderen Schaden angerichtet zu haben).

Der dritte von uns, der etwas ältere Grenadier mit dem Kopfstreifschuss, war völlig verwirrt, offenbar unter dem Eindruck des grausamen Erlebens mit dem Tod aller seiner Kameraden. Ein Russe ging mit ihm hinter eine Scheune, wir hörten eine MP knattern, dann kam der Russe allein zurück. So waren wir nur noch zwei.

Ich wurde abends zu zwei höheren russischen Offiziere geführt, deren einer einwandfrei deutsch sprach und sich in sehr humaner Weise mit mir unterhielt. Er fragte mich u. a. nach meiner Einstellung zum Krieg. Ich berichtete aus meiner Lebensgeschichte und über die Auswirkungen der Nazi-Herrschaft auf meine Familie. (Mein Vater war Polizeibeamter gewesen und 1934 aus der Polizei entlassen worden, weil er sich weigerte, in die SS einzutreten. Er ist 1944 bei der Invasion der Alliierten in Frankreich gefallen). Danach bekamen wir Brot und Hirsebrei zu essen und Wasser.

Die Nacht verbrachten wir beiden Gefangenen zusammen mit mehreren russischen Soldaten in einem Raum, wobei wir unter den Betten auf dem Fußboden schlafen durften. Am nächsten Tag ging es in Begleitung mehrerer Soldaten auf der Plattform eines LKW zu einer Gefangenen-Sammelstelle in einer Scheune in der Gegend von Skuodas. Dort waren wir etwa zehn Mann, darunter aber keine Kameraden von unserer Kampfhandlung. Das lässt annehmen, dass dabei keine weiteren Gefangenen gemacht worden sind. Die Anzahl der beteiligten Soldaten an dem Unternehmen schätze ich auf 200. Diese Zahl ergibt sich daraus, dass auf zwanzig Panzern je zehn Mann aufsaßen, die zum Einsatz kamen, während die Panzer in der Dunkelheit der Nacht zurückfuhren.

Sinn und Zweck des Unternehmens ist in der Chronik der Division beschrieben (siehe Einleitung!). Die Strategie der Durchführung ist mir als strategischem Laien unverständlich und hat von den ca. 200 Kameraden offenbar alle bis auf zweien das Leben gekostet.
Es heißt: "…eingesetzt und dabei so gut wie aufgerieben. Meldungen der eigenen Aufklärung über weitere Angriffsabsichten des Gegners wurden nicht ernst genommen." Vielleicht war das der Grund für das Scheitern des Unternehmens.

Für mich folgten zwei Jahre russische Gefangenschaft:
Riga: Lager Kaiserwald, Schutträumung in der Stadt, Aufräumarbeiten im Hafen.
Olaine: Torflager südlich Riga, Torfstechen den ganzen Sommer über.
Unser Spruch: "Wasser von oben (Regen), Wasser von unten (Sumpf), Wasser inne Beine (Hungerödeme), das sind die Leiden von Olaine." Im Herbst abgemagert auf 50 kg. Verlegung nach Nord-Estland.
Kotla-Järve, Jövi, Tammiku: Steinbruch, Waldarbeit, Häuserbau, Schachtbau für Ölschieferbergwerk.
1947 Entlassung wegen Verdacht auf Tuberkulose. Meine Mutter, die aus Ostpreußen vertrieben war, fand ich in Westfalen wieder.

In der Nachkriegszeit gab es an vielen Orten in Deutschland Veranstaltungen, meines Wissens vom Roten Kreuz organisiert, die zur Aufklärung von Vermisstenschicksalen führen sollten. Eine solche Veranstaltung fand auch in den 50er Jahren in Münster statt. Dorthin bin ich gegangen, um über das Schicksal meiner Kameraden Franz Kellenter und Uffz. Schwegmann zu berichten. Für alle Divisionen und Truppenteile waren in dicken Büchern die Namen der Vermissten aufgeführt, so bei Art.-Rgt. 126 auch die Namen meiner beiden gefallenen Kameraden. Die an mich gestellte Frage, ob ich die beiden tot gesehen hätte, musste ich verneinen. Daraufhin sagte man mir, das würde das endgültige Schicksal der beiden nicht klären, ich sollte auf keinen Fall nach Angehörigen suchen und denen Mitteilungen machen. Das habe ich dann auch unterlassen, obwohl ich es vorgehabt hatte.

Einzelheiten des Geschehens, soweit ich es selbst erlebt habe, und die Beschaffenheit des Geländes waren mir stets in Erinnerung. So kam mir der Gedanke, den Ort einmal aufzusuchen, zumal er ja nicht übermäßig weit entfernt liegt. Im Jahre 2008 bin ich dann mit meinem Sohn und einem befreundeten Ehepaar (pensionierter Oberstleutnant der Bundeswehr und seiner Ehefrau) nach einem Besuch meiner Heimat Ostpreußen über Litauen weiter nach Lettland gefahren. In Priekule sind wir sämtliche nach Süden und Osten aus der Stadt herausführenden Straßen mehrere Kilometer abgefahren, fanden nach vielen Bemühungen das gesuchte Gelände sieben Kilometer südöstlich von der Stadt entfernt. Ich hatte die Entfernung vorher geringer eingeschätzt. Die Ruine des beschriebenen Kellers, bzw. Bunkers, dicht bei einem unbewohnten, verlassenen, baufälligen Bauernhaus, umgeben von Buschwerk, existiert noch. Es war sehr bewegend für mich, an der Stelle zu stehen, an der die MP schon auf mich gerichtet war und ich doch überlebte. Weitere Bilder zeigen die tief liegende alte Holztür, die Ruine mit eingestürzter Betondecke, Einblicke von oben in den Kellerraum, meinen Sohn auf einem Mauerrest stehend, wie er für die Gefallenen auf der Trompete das "Lied vom guten Kameraden" spielt. Das schallte über das ganze Gelände und ich meinte, vom gegenüberliegenden Waldrand ein Echo zu vernehmen. Meinen Tränen ließ ich freien Lauf.

Das daneben stehende buchstäblich mit Brettern vernagelte Bauernhaus war abgeschlossen. Eine Katze lief herum, aber kein Mensch war in der Nähe, den man hätte fragen können, ob es in der Nähe deutsche Soldatengräber gäbe. Am südlichen Stadtrand von Priekule an der Straße nach Skuodas besuchten wir einen russischen Soldatenfriedhof, auf dem an mehreren hohen Mauern die Namen von über 30000 Gefallenen aufgeführt sind. Ein sehr ansprechendes Denkmal ist dort die über 10 m hohe Skulptur einer Frau, die ein Kleinkind in die Höhe hält. Auch in Russland haben Mütter, Frauen und Kinder um ihre Söhne, Männer und Väter geweint. Eine eindringliche Mahnung, dass solches nie wieder geschehen möge. Daran dachten wir. Mein Sohn spielte für sie auf der Trompete das "il silentio" von Nini Rosso.

2010 habe ich die Reise nach Lettland mit meinem Sohn ein zweites Mal unternommen, dabei auch wieder Priekule besucht, aber mein besonderes Ziel war die Höhe 107,7 im Raum Skrunda/Rudbarzi, auf der ich im Dezember 1944 im Einsatz war. Bei einem Großangriff der Russen mussten wir diese Stellung damals am 1. Weihnachtstag aufgeben, wobei ich leicht verwundet wurde, aber bei der Truppe bleiben konnte. Die Rückeroberung dieser beherrschenden Stellung in der Silvesternacht gelang zunächst nicht, war aber dann am 18. Januar 1945 erfolgreich. Ich hatte in Erinnerung, dass diese Höhe nahe bei Rudbarzi gelegen war, wir haben sie aber trotz zwei Tage langer Suche nicht gefunden.


Gegenstoß bei Preekuln

Erster Blick auf die Ruinenreste des Schuppens. Links vorne, unten am Mauerrand, war das russische MG postiert, aus dem wir beschossen wurden.



Gegenstoß bei Preekuln

Der tiefliegende Eingang an der Ostseite des Kellerbunkers.



Gegenstoß bei Preekuln

Blick nach Westen in den Kellerraum von oben. Die Betondecke des Raumes ist eingestürzt. In der Rückwand der Mauer erkennt man oben rechts von der Mitte die ˝ Meter breite Lücke die jetzt zugeschüttet und von Pflanzen überwuchert ist. Davor hatte eine kurze Leiter gestanden, über die man zu der Kuhle mit dem MG gelangte. Durch dieses Loch mussten wir bei der Gefangennahme den Keller verlassen. In der oberen linken Bildecke sieht man die Straße, auf der wir mit den Panzern von Prekuln gekommen waren.



Gegenstoß bei Preekuln

Blick von oben nach Osten in den Kellerraum. In der Mitte der Eingang, links Teile der eingestürzten Betondecke. Rechts an der Wand lagen unsere Schwerverwundeten, die der russische Sergeant dann erschoss.



Gegenstoß bei Preekuln

In Gedanken versunken vor dem Eingang stehend.



Gegenstoß bei Preekuln

An dieser Stelle stand ich, als der Russe die MP auf mich gerichtet hatte.



Gegenstoß bei Preekuln

Auf dem Mauerrest stehend spielt mein Sohn auf der Trompete für die Gefallenen das Lied vom Guten Kameraden.



Gegenstoß bei Preekuln

Gegenstoß bei Preekuln

Diese beiden Bilder sind bei unserem zweiten Besuch im Jahre 2010 aufgenommen und zeigen die Ruine im unveränderten Zustand. Auf dem ersten Bild sieht man im Hintergrund den Waldrand, den die anderen Kameraden bei dem Versuch, sich zurück durchzuschlagen, erreichten, dort aber im Gefecht gefallen sind.



Gegenstoß bei Preekuln

Gegenstoß bei Preekuln

Diese beiden Bilder sind Aufnahmen vom russischen Soldatenfriedhof Priekule.



PS: Diesen Bericht schreibe ich, weil ich nach dem Lesen der Geschichte der 126. Infanterie-Division annehmen musste, dass von dem Einsatz am 17. Februar 1945, an dem ich beteiligt war, wohl keiner der Beteiligten zurückgekehrt ist, und dass von dem Ablauf des Unternehmens wenig bekannt ist, weil sich alles hinter der HKL des damaligen Gegners abspielte. Ich möchte das Schicksal der vermissten und gefallenen Kameraden in Erinnerung bringen und auch jetzt noch ihrer damals trauernden Angehörigen mitfühlend gedenken.


© Dr. Alfons Wohlgemuth, Warendorf, Dezember 2012




Erlebnisbericht 1:
"Gegenstoß in Kurland"
Erlebnisbericht 2:
"16. Februar 1945"
Erlebnisbericht 3:
"Kartoffelbunker"
Erlebnisbericht 4:
"Panzerdurchbruch"
Erlebnisbericht 5:
"Mein letzter Einsatz in Kurland"
Erlebnisbericht 6:
"Erlebnisse eines estnischen Luftwaffenhelfers"
Erlebnisbericht 7:
"Als Luftwaffenhelfer im Kurland-Kessel"
Erlebnisbericht 8:
"Beginn der Gefangenschaft in Kurland"
Erlebnisbericht 9:
"Persönliche Erinnerungen von Friedrich Horstmann"
Erlebnisbericht 10:
"Zug- und Kompanieführer im Kurland-Kessel"
Erlebnisbericht 11:
"Militärische Stationen von Günter Schlagmann - 126. Inf.- Div."
Erlebnisbericht 12:
"Gefangenschaft im Schoß von Väterchen Russland"
Erlebnisbericht 13:
"Stafversetzung nach Kurland"
Erlebnisbericht 14:
"Einsatz in der Nahkampfdiele"
Erlebnisbericht 15:
"Harald Kägebein schreibt über seinen vermissten Onkel"
Erlebnisbericht 16:
"Wilhelm Hopp beschreibt die ersten Tage in Gefangenschaft"
Erlebnisbericht 17:
"In russischer Kriegsgefangenschaft, von Otto Solbach"
Erlebnisbericht 18:
"Alfons Wohlgemuth über einen Gegenstoß bei Preekuln"


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