16. Februar 1945


...der Rest der Kompanie war im Kampfgebiet vor dem Wald und unser Zug, ca. 20 Mann, in einem Bunker (Bäume kreuz und quer geschichtet. 3 Lagen galt damals als sicher gegen Mörserbeschuss oder Granatwerfer). Schon um 5 Uhr früh ging das Artilleriefeuer los, so dass wir wussten, dass mit einem Angriff der Russen bald zu rechnen sein würde.
Um ca. 6 Uhr kam ein lettischer Melder, der dem Zugführer (Unterscharführer) auftrug, einen Posten vor den Bunker zu setzen und auf rote Leuchtkugeln zu achten. Dort wäre eine Schwachstelle, bei einer Landsturmkompanie ( ich kann mich noch erinnern, dass ich mich gefragt hatte, wo denn der Landsturm da herkommen sollte. Aber vielleicht hatten sie ja eine Alarmkompanie gemeint) und wenn ein Durchbruch zu befürchten wäre, dann würden sie rote Leuchtkugeln schießen und in diese Richtung sollten wir in Stellung gehen.

Ich machte das MG fertig und der erste Mann, ein junger unerfahrener Sachse, der vor kaum 3 Wochen als Auffrischung zu uns gestoßen war, ging aus dem Bunker raus. Ohne jegliche Fronterfahrung legte er sich in den Trichter und als nach einer Viertelstunde mein Turn kam, fand ich ihn am Boden des Trichters mit einer Splitterwunde unter dem Helm. Er musste sofort tot gewesen sein.
Da kam auch schon der Melder ganz aufgeregt zurück und fragte, warum wir nicht in Stellung gingen. Sie hätten eine ganze Anzahl Leuchtkugeln geschossen, aber da war der arme Kerl wahrscheinlich schon tot.
Ich ging mit dem MG am Waldrand in Stellung und da sahen wir auch schon in einem Haus Soldaten in weißer Tarnkleidung, aber man konnte es nicht erkennen, ob es unsere, oder Russen waren. Das Gebäude wurde später als eine Zementfabrik bezeichnet, etwas, was ich sehr bezweifelte. Ich hätte eher auf eine Molkerei getippt. Ich eröffnete das Feuer auf alles, was sich dort regte. Aber plötzlich sagte der Unterscharführer, dass die Russen uns rechts bereits umgangen hätten und wir uns zurückziehen müssten, sonst wären wir in einem Kessel.

Wir gingen wieder durch den Wald zurück - der Schnee war vielleicht knietief - vorbei am Bunker, auf eine Lichtung, wo ein abgeschossener russischer T-34 stand. Außer Atem wegen dem tiefen Schnee und der Rennerei, gingen wir hinter dem Tank in Stellung, der uns Schutz zur Feindseite hin zu geben schien und warteten, dass die Russen aus dem Wald kamen. Kaum nahmen wir die ersten unter Feuer, gingen diese sofort in Deckung. Sie wollten also nicht angreifen, sondern auf Verstärkung warten. Die kam denn auch gleich in Form von Granatwerferfeuer. Sie mussten auf den Tank eingeschossen gewesen sein, denn die ersten Granaten explodierten so nahe, dass ich dachte wir hauen lieber ab. Aber da ging eine hinter uns in den Boden und meine zwei Schützen waren sofort tot und ich dachte, bei mir wird es auch nicht mehr lange dauern.
Der lettische Melder lief vorbei und fragte, ob ich verwundet sei und half mir aufzustehen und schleppte mich die Lichtung hinauf, zu einem Verbandsplatz, wo ich vielleicht noch 1 Stunde herumlag, bevor man mich drannahm. Denn diejenigen, die am meisten jammerten, kamen immer früher dran und ich dachte, dass die es alle nötiger hätten als ich und die Anzahl der Verwundeten war unglaublich.

Dass dies die Gegend von Dzukste war, erfuhr ich erst im Lazarett, denn wir waren in den letzten Monaten ja nur von einer Einheit zur anderen und immer weiter südlich gegangen.
Der Rest ist ja nicht mehr interessant. Wir wurden dann verschifft und kamen nach Rügen/Sassnitz. Dies war an meinem Geburtstag (mein schönstes Geschenk) und von dort ging es in eines der Ostseebäder, die ja alle Lazarette waren. Aber das ging nur bis zum 1. Mai. Wir dachten die Amis wären schon im Kommen, als der Befehl kam, dass jeder, der marschieren könne, sich in Richtung Rostock absetzen sollte...





Mehr als 57 Jahre später kehrte Albert Zinner an den Ort des Geschehens von damals zurück. Er wollte sich das Gebiet um Dzukste unbedingt noch einmal ansehen, und nach Möglichkeit die Stelle, wo er am 16. Februar 1945 verwundet wurde, ausfindig machen. Hier nun die Eindrücke seiner Lettland-Reise vom Sommer 2002:

"Es war eine 2-motorige Maschine und sie war ausverkauft. Aber erst mal in Riga verliefen sich die Leute in alle Himmelsrichtungen und wir suchten - und fanden den Mann - der uns abholen, und zu unserer Behausung bringen sollte.
Der war auch wirklich da, begleitet von einem entzückenden Mädchen, welche ein entzückendes Nicht-Englisch sprach, so dass wir mit dem Bruder vorliebnehmen mussten, der seine Schwester natürlich nicht desavouieren wollte.

Wagen war bei Hertz vorbestellt, also gingen wir an den Schalter und der wollte natürlich den Führerschein sehen, zog die Stirne kraus und fragte mich, ob ich keinen anderen hätte, denn der wäre in Lettland ungültig. Ich zählte ihm eine unvollständige Liste jener Länder auf, in welchen ich mit gerade diesem Führerschein gefahren wäre, aber er sagte mir, dass dies ein Führerschein für Motorräder wäre (hier in Lettland - weil Klasse A), aber natürlich sei der gültig in den USA, wo Klasse A eben Kraftfahrzeuge bedeuteten.

Ich forderte ihn auf, eine salomonische Entscheidung zu treffen, was ihm nicht ganz einzuleuchten schien, aber nach einigen Telefonaten gab er mir seufzend den Kraftfahrzeugbrief und wünschte mir gute Fahrt, in der Hoffnung, mich gesund wiederzusehen. Auf jeden Fall schien er nicht ganz von der Tatsache überzeugt zu sein, dass jeder lettische Polizist vor mir stramm stehen würde. Lasst es uns vorhernehmen. Keiner hat etwas zu uns gesagt, weil wir keinen sahen.

Unnötig zu sagen, dass es regnete - so ein kleiner sympathischer Schnürlregen. Wir fuhren also hinter dem Van her, nicht zu nahe, nicht auch um ihn aus den Augen zu verlieren und richtig, so nach einer Stunde und einigen komischen Kurven kamen wir plötzlich von der Hauptstrasse ab, auf eine Naturstrasse und auf der ging es dann weiter nach "Seski", ein Holzbau, den uns, ein uns unbekannter Freund eines anderen unbekannten Freundes zur Verfügung gestellt hatte.
Die Überraschung war vollständig, denn wir hatten uns irgend eine primitive Holzhütte vorgestellt, aber es war eine neu aufgebaute Konstruktion auf einem Platz wo, seine Großeltern gewohnt hatten, mit Heißwasser in den Zimmern, genügend Betten und Self-Service in Bezug auf die Verpflegung. Mal was anderes und für Anamaria Fremdes. Das war also Dzukste, die Gegend wo ich 1945, am 16. Februar, verwundet wurde und die ich noch einmal wiedersehen wollte. Irgendwie kam mir dies alles bekannt vor, die Wälder überall, die langen Abende (um 22 Uhr konnte man noch fotografieren). Das Haus "Seski" stand ganz allein in einer Lichtung, kein Mensch weit und breit zu sehen. Unser Begleiter ging ins Haus und die Haushälterin, eine Frau, etwa 60 Jahre alt, zeigte uns die Zimmer, die wir zur Auswahl hätten. Da in dem Zimmer, welches uns am besten gefiel, nur ein Bett stand, zauberten die Beiden im Nu ein zweites herbei, und wir packten die Koffer aus.
Die Haushälterin - ich will sie der Einfachheit Mara nennen - zeigte sich sehr hilfsbereit, aber erst später kamen wir darauf dass sie ein ganz passables Deutsch sprach und wenn man ihr Zeit zum Nachdenken ließ, dann fand sie auch immer die richtigen Worte.

Da man mir eine Liste mit den Namen, der wichtigsten, zu besuchenden Personen gegeben hatte, besuchten wir sofort den Nachbarn, einen Dr. Millers, der so ca. 5 km weit entfernt wohnte. Die Wege waren alle ein wenig durch den Regen aufgeweicht, überall natürlich die Fahrrillen, die unserem Wagen ziemlich zusetzten, weil dieser überall aufsetzte. Da wir ihn voll versichert hatten, nahmen wir nicht all zuviel Rücksicht darauf. Bereits am nächsten Tag verloren wir eine Abdeckplatte unter dem Motor - aber was soll`s?
Nachdem ich ihm die Lage erklärt hatte, fuhren wir zusammen los, dorthin, wo er glaubte, dass der Platz gewesen sein müsste, wo ich verwundet wurde. Beim besten Willen konnte ich mich nicht entsinnen jemals in dieser Gegend - so wie ich sie in Erinnerung hatte - gewesen zu sein. Man konnte noch einige Schützengräben sehen, die - typisch für die Gegend - alle einige Meter vor dem Waldrand angelegt gewesen waren, damit die Splitter von den Bäumen nicht auf die Grabeninsassen runterflogen. Alle die Gräben waren von Farnen überwachsen und nur dort gab es den Farn. Millers sagte, dass Farne biologischen Dünger brauchen und natürlich lagen die ganzen toten Soldaten noch in den Schützenlöchern.
Die ganze Vergangenheit kam über mich, die endlosen Nachtmärsche. Mir fiel ein, dass wir einmal so erschöpft waren, dass wir hinter einer Kirche (Ruine) in den Schnee fielen und sofort einschliefen. Als wir dann den Befehl erhielten, wo wir in Stellung gehen sollten, sah ich beim Aufstehen, dass wir auf toten Soldaten gelegen hatten, die waren bereits gefroren. Wir marschierten in einer Linie und schliefen fast im Gehen, denn wenn der Erste stehen blieb, dann rannten die anderen auf ihn. Ich war damals nur Haut und Knochen, aber nie war ich so gesund in meinem Leben.
Um es kurz zu machen, wir fanden nichts was mir nur halbwegs ähnlich der Stellung aussah, die wir damals besetzten. Keinen Bunker im Wald, keinen Bombentrichter vor dem Bunker, und das Dorf PIENAVA, wo damals die Molkerei stand, um die gekämpft wurde, wurde im Zuge der Kampfhandlungen völlig zerstört und nie wieder aufgebaut. Man brachte uns zweimal zu den Ruinen und trotzdem konnte ich da nichts erkennen, was ein Licht in mir aufgehen ließ. Erst später - fast am Ende meines Besuches - nachdem wir alles rund um Dzukste abgefahren hatten, fiel mir ein, dass wir das wahrscheinlich falsch aufgezogen hatten. Wir hätten die Lage der damaligen Verbandsplätze feststellen sollen, denn der Verbandsplatz, wo mich ein lettischer Kamerad hinschleppte, lag hinter einer Anhöhe, die von den Russen nicht direkt eingesehen werden konnte. Jener aber, wo man mich hinführte - und es war zweimal derselbe - konnte es nicht gewesen sein, die ganze geographische Lage war derart verschieden, dass - selbst wenn man die Bäume, die in 50 Jahren gewachsen sind, in Betracht zieht - dies eben ein anderer Platz war.
Nun war es ja auch so, dass man uns am Hauptverbandplatz sagte, dies wäre Dzukste, aber damit war sicherlich nicht das Dorf gemeint, sondern der Raum Dzukste.
Am nächsten Tag hatte Millers einen Mann, dessen Namen ich leider vergessen habe, zu sich bestellt. Der kam mit einigen Büchern mit den Beschreibungen der Schlachten rund um Dzukste und einem Karton, voll von Eisernen Kreuzen Erster und Zweiter Klasse, Schildern von der Feldgendarmerie, usw. Ich weiß nicht, warum er die mit sich herumtrug, er sagte nichts, dass er sie verkaufen wollte und ich sagte nicht, dass ich sie kaufen wollte. Heute weiß ja niemand mehr, wie man zu einem EK I kam, viele haben es gegen ein Holzkreuz ausgetauscht!
Mit dem sind wir auch nach dem früheren PIENAVA gefahren, aber das war es eben nicht!
Wir sind dann mit Millers durch die Felder und Wälder marschiert, wo man noch einige Stellungen sehen konnte und er hatte immer von den Wiesen Blumen gepflückt. Warum, das sah ich, als wir zu den verschiedenen Kriegerfriedhöfen fuhren. Bei jedem legte er einige Blumen nieder, nur auf dem russischen nicht.

Ich muss sagen, dass ich heute gegen die Russen keinen Hass mehr empfinde. Die haben (freiwillig oder nicht) ihr Blut für ihr Vaterland hergegeben, und dieses Vaterland hat sie vergessen. Den einzigen russischen Friedhof, den wir sahen war mit 1200 Toten belegt, wenn man den Tafeln glauben darf. Aber wie sie die auf diesem Platz untergebracht haben, ist mir unverständlich, denn nicht einmal stehend hätten 1200 Männer dort Platz. Alles verfällt und wird nicht instand gehalten.
Der Dank des Vaterlandes ist dir gewiss! Sagte man oft spöttisch im Kriege und dachte sich seinen Teil. Aber ich muss doch sagen, dass das deutsche Vaterland seine Toten nicht vergessen hat und auch die Letten haben es nicht. Aber man muss mit einem Letten nicht über Russland reden, denn dann hört man nur den Hass heraus, bei alten und bei Jungen. Dabei muss man sich heute fragen, wie dieses Land mit nicht ganz 3 Millionen Einwohnern unabhängig bleiben wird, nur mit zwei Nachbarn in der selben Lage, Litauen und Estland, und einem mächtigen Russland zur Seite? Aber die stehen noch heute auf dem Standpunkt: Lieber stehend sterben, als kniend leben! Hut ab vor dieser Haltung, die man ja in deutschen Landen nicht mehr finden kann..."


Albert Zinner,
damals Angehöriger der 19. lettischen-SS-Grenadier-Division.




Erlebnisbericht 1:
"Gegenstoß in Kurland"
Erlebnisbericht 2:
"16. Februar 1945"
Erlebnisbericht 3:
"Kartoffelbunker"
Erlebnisbericht 4:
"Panzerdurchbruch"
Erlebnisbericht 5:
"Mein letzter Einsatz in Kurland"
Erlebnisbericht 6:
"Erlebnisse eines estnischen Luftwaffenhelfers"
Erlebnisbericht 7:
"Als Luftwaffenhelfer im Kurland-Kessel"
Erlebnisbericht 8:
"Beginn der Gefangenschaft in Kurland"
Erlebnisbericht 9:
"Persönliche Erinnerungen von Friedrich Horstmann"
Erlebnisbericht 10:
"Zug- und Kompanieführer im Kurland-Kessel"
Erlebnisbericht 11:
"Militärische Stationen von Günter Schlagmann - 126. Inf.- Div."
Erlebnisbericht 12:
"Gefangenschaft im Schoß von Väterchen Russland"
Erlebnisbericht 13:
"Stafversetzung nach Kurland"
Erlebnisbericht 14:
"Einsatz in der Nahkampfdiele"
Erlebnisbericht 15:
"Harald Kägebein schreibt über seinen vermissten Onkel"
Erlebnisbericht 16:
"Wilhelm Hopp beschreibt die ersten Tage in Gefangenschaft"
Erlebnisbericht 17:
"In russischer Kriegsgefangenschaft, von Otto Solbach"
Erlebnisbericht 18:
"Alfons Wohlgemuth über einen Gegenstoß bei Preekuln"


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