Panzerdurchbruch


27. 7. 44

Ob Du den Brief, den ich vorgestern schrieb, je erhalten wirst, ist zweifelhaft. Ich glaube, er ist verloren. Wie das zuging? - Folgendermaßen. Wir Soldaten haben ja für jede Art von Knallerei ein gespitztes Ohr. Ob jemand aus Jux..... einen Schuss abfeuert oder einer in feindlicher Absicht auf uns abdrückt, das hören wir genau, und so schien uns, die wir 20 km von der Front an der Düna liegen, ein hohles Dröhnen von Abschüssen, das Rattern von MGs und schließlich ein Granateinschlag in unserem Biwak, reichlich verdächtig.

Ich rannte also an die 400 m entfernte Rollbahn, die bis auf zwei schnell laufende OT.-Arbeiter (OT. =Organisation Todt ) menschenleer war, und sah sofort, was los war: 4 - 6 russische Panzer rollten, lebhaft feuernd, aus etwa 500 m Entfernung auf meinen Standpunkt zu. Abschuß und Einschlag waren nur noch ein einziger Knall..... Einen Augenblick fühlte ich eine gewisse Weichheit in den Knien, im nächsten schon war ich nur Entschluss. Ich schritt (und lief nicht), um meine Gedanken zu sammeln, rief noch einem kopflos in wildestem Karacho auf die Rollbahn vorstürmenden Stabskompanietross zu, sofort umzukehren; - die dachten aber nur an Flucht und wurden dann elend zusammengeschossen, was ihre eigene Schuld war. Bei dieser Kompanie haben wir vorgestern unsere Post abgegeben....

Ich befahl meiner Schwadron, deren größter Teil weiter vorn, also getrennt von mir, war, sofort anzuspannen, erläuterte kurz die Lage und dann meine Absicht, nämlich im Schutz des Steilufers der Düna, unmittelbar am Fluß entlang nach Norden auszuweichen. Wir wußten ja nicht, ob es sich um die Spitze eines Durchbruchkeiles, oder um einen abgebrochenen Pulk von Panzern handelte, der sich dann die nächsten zwei Stunden in nur 60 - 100 m Entfernung neben uns hielt. Ich setzte alles auf die Karte meiner mit einem Blick gewonnen Geländekenntnis..... war vollkommen ruhig, fast heiter, und setzte mich an der Spitze meiner aus 20 Fahrzeugen bestehenden Kolonne in Marsch. Panzerfäuste und das eine MG das wir hatten, waren freigemacht. Ich ging als Pfadfinder und sichernd wie ein Fuchs voraus.....

Auf der Rollbahn schoß es wie wild, sauste auch über unsere Köpfe hinweg. Wir hörten das Rasseln der Ketten und sahen durch die Büsche, wie die Panzer ab und zu anhielten, einzelne Iwans zwischen ihnen hin und her liefen, - aber sie bemerkten uns nicht. Ein Teil jener oben genannten Stabskompanie, der sich uns angeschlossen hatte, wollte hier schon seine Fahrzeuge anzünden oder in die Düna fahren, hielt dann meine Unbeirrbarkeit für unabwägbare Kühnheit und machte, unbegreiflicherweise, kehrt.....

Nach einer Stunde etwa kam eine Stelle, wo der Steilhang sehr nah an den Fluß herankommt und mir für die Fahrzeuge sehr bänglich wurde, und in der Tat stürzten die beiden größten und schwersten, der Verpflegungs- und der Schmiedewagen um. Und fast unmittelbar über uns Panzer auf der Straße. Hier entpuppte sich nun die Tüchtigkeit und Verläßlichkeit meiner Unteroffiziere, die erklärten, nicht eher von der Stelle zu weichen, bis die Wagen wieder flott wären. Ich baute aus den verfügbaren Gewehrträgern und dem MG eine Sicherung längs der Unfallstelle auf und in vierstündiger Arbeit gelang es uns - entladen, aufrichten, beladen - die Fahrzeuge wieder flott zu machen und uns die Russen vom Leibe zu halten. Die standen 40 m entfernt und fuhren sonderbarerweise nicht weiter, obwohl es ihnen gelungen war, zwei unserer 8,8 cm Flakgeschütze, die auf der Rollbahn aufgefahren waren, außer Gefecht zu setzen (wir nahmen nachher noch Verwundete mit).

Die zwei Panzer (einer vom Typ Sherman) und vier Sturmgeschütze hatten offenbar keine Verbindung mehr nach hinten. Die Besatzungen stiegen aus, hämmerten auch an ihren Kästen herum, wurden aber durch unser Feuer immer wieder hineingetrieben. Ihre Kanonen konnten uns nicht erreichen. Da wir bereits im toten Winkel lagen, feuerten sie immer in die Düna hinein. Wir andererseits konnten nicht mit unseren Faustpatronen heran, da vor uns deckungsloses Gelände lag.....

Dann kam die kritischste Situation. Erst erschien ein Fieseler-Storch (mit einem General, dem ich später, als er gelandet war, meldete), nach einer Viertelstunde aber 7 Stukas, die mit Bomben und Bordwaffen klare Arbeit verrichteten. Bald brannten vier von den Ungetümen, zwei drehten in höchster Eile ab. Wir mußten bei der Nähe der Ziele unserer beschwingten Freunde die Köpfe mehr, als uns lieb war, einziehen. Zwei Zugmaschinen, die auf dem Kampfplatz erschienen waren, um jene beiden 8,8 cm Flak abzuschleppen, mußten dran glauben und verbrannten ebenfalls.

Um 1/2 4 Uhr nachmittags war ich dann mit Mann und Maus mittels Fähre auf dem anderen Düna-Ufer, ohne auch nur einen Hufnagel eingebüßt zu haben, bezog dort in einem Wald Quartier, bereit, jederzeit wieder herüber zu gehen.

Im ganzen waren 7 Panzer durchgebrochen. Die Lücke hinter ihnen war wieder geschlossen worden, was ich natürlich in der Frühe nicht wissen konnte, sonst wäre ich seelenruhig im Park von Asjelera sitzen geblieben. Immerhin hatten wir 7 Stunden für 7 km gebraucht. Am Abend ließ ich dann ein Kalb schlachten und einen Sack Zucker verteilen..... Ein paar der Männer habe ich zu Auszeichnungen eingegeben, - aber denke nicht, daß ich einen (Orden) bekomme. Da muß man einen Fürsprecher haben, der für einen spricht oder - schwindelt.

31.7.44

Heute stellte ich sechs Anträge auf Verleihung des EK II an die Männer, die sich neulich beim Panzerdurchbruch ausgezeichnet haben..... ich bin gespannt, ob man an mich denken wird, denn ohne meine Kaltblütigkeit wäre der sich selbst überlassenen Trosshaufen in eine scheußliche Katastrophe geeilt. Aber Du mußt nicht denken, ich sei irgendwie abhängig von solchen Erwägungen.

11. 8. 44

Gestern Abend wurde ich zum General befohlen. Ich setzte mich in meinen schönen Wanderer (PKW) der mir als 0 2 zusteht und fuhr die wenigen Kilometer durch die glänzende Landschaft, überlegend, was mir nun wieder bevorstünde.....
Versetzung, Rüge oder was sonst, aber nichts dergleichen: er verlieh mir die Spange zum EK II für meinen kühnen Entschluß, seine unbeirrte Durchführung..... am 27. Juli, - ich habe Dir ja das Abenteuer geschildert. Also scheint man höheren Orts doch erkannt zu haben, dass.....
Ich freute mich über die Anerkennung und über die 6 Upmann - Havannas, die der General aus der heimlichsten Kiste langte..... Für meine zweite Feldbluse brauche ich also ein Stückchen des schwarzweißen EK-Bandes mit der Spange, um deren Besorgung ich Dich bitte.


Auszüge aus Feldpostbriefen von Oberleutnant Dr. Erich Neuß,
Angehöriger der 24. Infanterie-Division und damals 45 Jahre alt.




Erlebnisbericht 1:
"Gegenstoß in Kurland"
Erlebnisbericht 2:
"16. Februar 1945"
Erlebnisbericht 3:
"Kartoffelbunker"
Erlebnisbericht 4:
"Panzerdurchbruch"
Erlebnisbericht 5:
"Mein letzter Einsatz in Kurland"
Erlebnisbericht 6:
"Erlebnisse eines estnischen Luftwaffenhelfers"
Erlebnisbericht 7:
"Als Luftwaffenhelfer im Kurland-Kessel"
Erlebnisbericht 8:
"Beginn der Gefangenschaft in Kurland"
Erlebnisbericht 9:
"Persönliche Erinnerungen von Friedrich Horstmann"
Erlebnisbericht 10:
"Zug- und Kompanieführer im Kurland-Kessel"
Erlebnisbericht 11:
"Militärische Stationen von Günter Schlagmann - 126. Inf.- Div."
Erlebnisbericht 12:
"Gefangenschaft im Schoß von Väterchen Russland"
Erlebnisbericht 13:
"Stafversetzung nach Kurland"
Erlebnisbericht 14:
"Einsatz in der Nahkampfdiele"
Erlebnisbericht 15:
"Harald Kägebein schreibt über seinen vermissten Onkel"
Erlebnisbericht 16:
"Wilhelm Hopp beschreibt die ersten Tage in Gefangenschaft"
Erlebnisbericht 17:
"In russischer Kriegsgefangenschaft, von Otto Solbach"
Erlebnisbericht 18:
"Alfons Wohlgemuth über einen Gegenstoß bei Preekuln"


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