Vorbericht zu dem Bericht "In russischer Kriegsgefangenschaft"


Am 12. Dez.1926 wurde ich, Otto Solbach, als sechstes und letztes Kind der Eheleute Paul Solbach und Katharina Solbach geb. Müller, geboren.
Da es sich hier um einen Vorbericht zu meinem Bericht in russischer Kriegsgefangenschaft handelt, mache ich jetzt einen Sprung in mein 14. Lebensjahr.
Nachdem ich aus der achten Klasse der Gemeinschafts-Volksschule entlassen worden war - wir wurden 1939 katholisch und evangelisch zusammengelegt - wurde ich ab 01. April 1941 als Lehrling zum erlernen des Berufs zum Technischen Zeichner bei den Hüttenwerken Siegerland A.G. in Niederschelden eingestellt.
Im Frühjahr 1943 wurden die Jungen aus dem hiesigen Raum zu einem Gesundheitstest nach Betzdorf einbestellt.
Wir waren ganz erstaunt, als dort eine Kommission der Waffen-SS Ergänzungsstelle Wiesbaden, vertreten war.
Nach dem Gesundheitstest wurden wir dann gefragt, welche Einheit uns denn vorschwebte, in der wir mal Dienst tun wollten? Meine Antwort war, zuerst den Beruf erlernen und dann alles Weitere sehen. Ich war ja erst 15 Jahre alt.
Danach mussten wir den Gesundheitspass unterschreiben, was gleichzeitig die Unterschrift zur Freiwilligmeldung zur Waffen-SS war, was wir aber nicht wussten.
Nach ca. 3 Wochen kam dann der Annahmebescheid von der Waffen-SS Ergänzungsstelle in Wiesbaden.
Mein Vater hat dann noch schriftlich Einspruch gegen diesen Bescheid erhoben, wegen der Unterschrift eines 15-Jährigen. Es war sein Glück, dass meine beiden älteren Brüder schon freiwillig im Kriegsdienst standen, sonst hätte man andere Maßnahmen bereit gehabt.

Für den 01. Mai 1943 hatte ich dann die Einberufung zur Wehrertüchtigung auf dem Truppenübungsplatz in Wildflecken in der Rhön.
Wir wurden vollständig in Waffen-SS Uniform eingekleidet, ohne Waffen.
Das war die Aufstellung der HJ-Division mit 8000 Jungen.
Nach einer vierwöchigen, harten Ausbildung, fand dann am 30.Mai die Übergabe dieser 8000 Jungen von Reichsjugendführer Axmann an Reichsführer der Waffen-SS Himmler statt, mit anschließendem Vorbeimarsch an diesen Beiden.
Nach dem Einrücken in die Kasernen kam dann der Befehl durch, alle diejenigen die vor dem 30.Juni 1926 Geborenen nehmen Ihre Uniform mit nach Hause und werden nach einem kurzen Heimaturlaub eingezogen.
Alle die nach dem 30. Juni1926 Geborenen geben die Uniform ab und werden nach Vollendung Ihres 17. Lebensjahres eingezogen.
Dadurch kann ich es heute nicht verstehen, dass angeblich 16 Jährige zum Kriegsdienst eingezogen wurden.
Am 13.August 1943 wurde mit 2 Lehrzeit die Gesellenprüfung als Techn. Zeichner absolviert.
Am 12.Dez. 1943 wurde ich 17 Jahre alt und hatte auch darauf meine Einberufung zum 20. Jan.1944 als Panzergrenadier zur HJ-Division nach Warschau.
Polen war zu diesem Zeitpunkt schon Partisanengebiet. Das habe ich gemerkt, als wir mit dem Fronturlauberzug von Frankfurt/Main nach Warschau fuhren, wurden dem Zug in Litzmannstadt dem heutigen Lodz, zwei Steine-Waggons vorne angehängt und der Zug fuhr in der Nacht im Schritttempo und bei jedem Halt mussten aus jedem Waggon zwei Soldaten zur Sicherung nach draußen. Uns wurde dann von den Landsern im Zug eine Knarre in die Hand gedrückt und nach draußen geschickt weil wir ja Krieg spielen wollten.
Wir waren zu zweit aber noch in zivil!
In Warschau angekommen wurden wir auf zwei verschiedene Kompanien verteilt. Meine Kompanie war im ehemaligen polnischen Kriegsministerium untergebracht.
Die Einheiten bestanden nur aus 17-Jährigen. Wir wurden bewacht wie Kriegsgefangene, weil polnische Partisanen ihr Unwesen in Warschau trieben.
Die ersten acht Wochen der Ausbildung waren hart und kalt.
Der Abendrapport wurde immer im Flur der Kaserne gehalten, weil es draußen zu gefährlich war.
Nach ca. 8 Wochen in Warschau wurde mir dann abends mitgeteilt, dass ich auf Grund meines Berufes zur Artillerieschule I der Waffen-SS nach Glau bei Berlin versetzt würde.
Am nächsten Morgen ging es auch schon los. Ich wurde zum Bahnhof nach Warschau gebracht, immer unter Begleitung und traf dort den Kameraden wieder, den ich im Fronturlauber kennen gelernt hatte. Er hatte auch Technischer Zeichner gelernt.
Wir fuhren dann mit dem Fronturlauber über Berlin nach Glau, wo wir in der Kartenstelle als Kartenzeichner ausgebildet werden sollten.
Ende April 1944 wurde ich dann zur SS-Beob.-Batterie 106 versetzt, die zum Artillerie Schießplatz II nach Beneschau in der Tschechei ausrücken sollte.
Ich wurde zur Nachhut in Glau zurückgelassen, mit der ich dann Anfang Mai nach Beneschau nachrückte.
Mittlerweile war diese Einheit in SS-Beob.-Batterie 506 umbenannt worden.
Nach ca. 4-wöchigen Schießübungen als Beob.-Batterie, ich als Zeichner am Plan im Lichtmesszug, rückten wir dann aus.
Wir wussten nicht wohin es ging bis hinter Pirna, da merkten wir, dass der Zug nach Osten fuhr. Da war uns klar: Es geht an die Ostfront.
In Opotschka wurden wir entladen und da der Russe durchgebrochen war, ging es gleich rückwärts.
Da der nördliche Frontabschnitt nicht zur Ruhe kam, ging es weiter rückwärts, durch Lettland über Riga bis in den Raum Frauenburg.
Dann hatte der Russe bei Memel am 20.10.1944 die Türe bis an die Ostsee geschlossen, so dass wir in einem Kessel saßen, dem Kurland-Kessel.
In diesem Kessel habe ich 5 Kurlandschlachten bei der Beobachtungs-Batterie 506 mitgemacht. Bei der sechsten Kurlandschlacht, ab März 1945, wurden wir zum Infanterie-Einsatz eingesetzt, weil es mit dem Personal im Kessel knapp wurde.
Dann sollte ab Mai 1945 unser Einsatz zum Hafenschutz im Hafen von Windau kommen.

Und da beginnt mein Bericht: "In russischer Kriegsgefangenschaft."

Als Kurlandtruppe, Angehöriger der Beobachtungsbatterie 506 der Waffen-SS, befanden wir uns am 8.Mai 1945, dem Zeitpunkt der Kapitulation, auf dem Weg zum Hafen nach Windau, um den Hafenschutz bei der Verladung der Kurlandtruppe zu übernehmen. Kurland sollte geräumt werden. Ein Himmelfahrtskommando.
Unsere mot. Fahrzeuge hatten wir vorher, bis auf den Teil den wir zur Beförderung der Mannschaft brauchten, zum Ärgernis der lettischen Bevölkerung in Goldingen, ohne Sprengung vernichtet.
Auf dem Weg nach Windau erreichte uns die Nachricht von der bedingungslosen Kapitulation.
Am 9. Mai 1945, wir waren ungefähr 1 km vor Windau, kamen uns schon deutsche Soldaten entgegen, die aus Windau raus mussten.
Generaloberst Hilpert fuhr mit seinem Fahrzeug mit weißer Flagge zu Kapitulationsverhandlungen mit den Russen. In der ersten Euphorie wäre er fast gelyncht worden. Dabei hatte uns die Kapitulation vor dem Himmelfahrtskommando, das auf uns wartete, bewahrt. Wir wollten ja immer noch den Krieg gewinnen. Eine Utopie. Ich war damals 18 Jahre alt. Eine unbekümmerte Jugendzeit.
Es kam dann der Befehl durch, dass um 9 Uhr der Russe von der Ostsee her Windau besetzen wollte und dass bis zu diesem Zeitpunkt kein deutscher Soldat im Umkreis von 1 km um Windau angetroffen werde. Daher musste alles 1 km um Windau geräumt sein.
Wir versuchten es daher mit dem Hafen in Libau, um dort noch ein Schiff zu erreichen. Wir wollten doch unbedingt nach Hause.
Vorher hatte noch unser Schirrmeister mit einigen beherzten Leuten vom Flugplatz in Windau einen Spritanhänger mit Benzin für unsere Fahrzeuge geklaut. Wir haben ihn nicht mehr gebraucht.
Auf halbem Wege nach Libau mussten wir erfahren, dass es dort genau so stand wie in Windau. Es blieb uns daher nichts anderes übrig, als wieder ins Landesinnere zu fahren. In einem Gehöft bei Kapukrogs zogen wir dann unter.
Dann sah ich die ersten Russen.
Morgens wurden wir erschreckt geweckt, wir sahen Russen die klauten was sie kriegen konnten. Mir mein Schifferklavier - und schon waren sie auch wieder verschwunden.

Im Laufe des Tages kamen dann "deutsche Stabsoffiziere" und erzählten uns folgendes Märchen. Ob es wirklich deutsche Stabsoffiziere waren, wer weiß.
Stalin hatte den Befehl ausgegeben, dass den deutschen Kurlandtruppen auf Grund ihrer tapferen Haltung freier Abzug gewährt würde. Dieser Abzug konnte natürlich nur in Korpsstärke erfolgen. Man müsste sich in Goldingen melden und zwar säße dort schon ein russischer General mit Kommissaren, die die Fahrzeuge nach Waffen und Alkohol durchsuchen würden und dann weiterleiten würden. Wir waren auch prompt auf dieses Märchen hereingefallen.
Am 15. Mai 1945 meldeten wir uns in Goldingen. Es waren tatsächlich schon eine Menge deutsche Soldaten versammelt, die auf den Heimtransport warteten.
Nach zwei Tagen war es dann soweit. Wir waren durchsucht nach Waffen und Alkohol. Noch hatten wir eigene Verpflegung auf den Fahrzeugen.
Ein russischer Geländewagen setzte sich an die Spitze und schon ging es los, Richtung Osten.
Uns gingen dann die Augen auf. Etliche km nördlich Remte wurden wir von unseren Fahrzeugen geprügelt, in Fünferreihen aufgestellt und dann ging es los, schwer bepackt marschieren. Auf diesem Marsch wurden wir den Rest unserer Habe noch los, was einer noch besaß. Abends wurden wir in eine Scheune gesteckt, die mit doppeltem Stacheldraht gesichert war, dann wurden uns die Haare radikal vom Körper entfernt. Das war die erste Etappe unserer Heimfahrt. Wir standen mit geschorenem Kopf hinter Stacheldraht, Kriegsgefangene der Sowjetunion.

Die Kohlsuppe, die uns die Russen kochten, haben wir nicht geholt, da wir noch eigene Verpflegung hatten. Uns wurde natürlich gesagt, die Suppe holt ihr bestimmt noch gerne. Die Russen hatten Recht
Am nächsten Morgen kam der erste Arbeitseinsatz. 100 Leute zum Eisenbahn- brückenbau der gesprengten Brücke bei Brozenas. An dem Brückenbau waren auch russische Pioniere beschäftigt, eine mongolische Volksgruppe. Ich sah dort zum ersten Mal Mongolen im russischen Heer. Die waren so arm dran, dass sie von uns Tabakwaren bettelten. Die Bauarbeiten dauerten ca. 2 - 3 Wochen, dann wurden wir wieder in ein Lager gesperrt.
Anschließend ging der große Marsch los, Richtung Mitau. Immer am Gleis entlang, dass wir von europäischer Spur auf russische Spur umnageln mussten. Die baltischen Staaten hatten ja ihr Gleis damals an das europäische Netz angeglichen. Die russische Gleisspur ist breiter.
So sind wir drei Wochen marschiert bei Hitze, wenig zu trinken und zu essen. Wir wurden auch so durch die ehemalige Hauptkampflinie geführt, das ging nicht ohne Minendetonationen und Verluste an Leuten, aber das war dem Russen egal. Nachts wurden wir wie eine Schafherde zusammengetrieben, auf freiem Feld mussten wir übernachten unter strenger Bewachung.
Beim Einmarsch in Mitau verlangte unser russischer Kommandoführer hoch zu Ross, dass wir singend in Mitau einmarschieren sollten, wie es sich für deutsche Soldaten gehört. Überall hingen schon Plakate vom russischen Einmarsch in Berlin. Der russische Bär, hoch schwebend über dem Brandenburger Tor. Da kann man sich die Stimmung vorstellen die herrschte. Zum Singen war uns wirklich nicht zu Mute. Es war Anfang Juli 1945.
Wir wurden dann in ein großes Sammellager in Mitau, Lager Nr. 266, gebracht. Es waren dort schon einige tausend Gefangene untergebracht. Dort wurden wir immer wieder in Hundertschaften aufgeteilt, so dass keine geschlossene Einheit, in der man sich kannte, übrig blieb. Da wir noch in voller Uniform waren, wurden dann verschiedene Leute mit Ehrenzeichen rausgesucht und abgeführt. Man weiß nicht wohin. Dann war natürlich bis zum nächsten Tag von den Uniformen alles abgetrennt was auf eine bestimmte Einheit hätte schließen können.
In den folgenden Tagen wurden dann Berufe ausgesucht. Man hat sich dann gescheut einen Beruf anzugeben, weil man glaubte, diese Leute bleiben hier und die anderen, die keinen Beruf haben, schickt man nach Hause. Falsch gedacht. Die mit den Berufen wurden in ihren Berufen eingesetzt und die anderen waren so genannte Schwarzarbeiter also Handlanger.
Es wurde dann ein Transport zusammengestellt. Man wollte unbedingt dabei sein. Man wusste ja nicht wo geht es hin? Vielleicht sogar in die Heimat?
Am 8. Juli 1945 ging dieser Transport dann los mit 2400 Mann, Ziel unbekannt.
Wir waren mit 98 Mann in einem 50 to Waggon, Türen verriegelt, mit einem Spalt aus dem die Pinkelrinne hinausging, natürlich auch für das große Geschäft. Zu der Zeit war ich 18 Jahre alt.
Beim Einstig in den Waggon war ich natürlich bestrebt in die äußerste Ecke des Waggons zu kommen um nicht in der Nähe der Rinne liegen zu müssen. Man kann sich ja vorstellen, dass bei einer Belegung des Waggons mit 98 Mann, auch Leute neben oder sogar nachts unter dieser Rinne liegen mussten.
Die Verpflegung bestand am Tage aus einem Kochgeschirrdeckel Wassersuppe und ein Stück Hartbrot, das Brot oft angeschimmelt, Wasser gab es nur selten. Im Dach war eine Luke wo das Ofenrohr im Winter hinausgehen sollte, da kam, wenn es regnete, Wasser tropfenweise herein. Da kann man sich das Gedränge um dieses Loch vorstellen, es war immerhin Hochsommer.
Aus der vergitterten Fensterluke konnten wir dann hinaussehen in welche Richtung der Zug ging. Wir landeten in Wilna, fuhren über Minsk, Kiew, Charkow, Orel, Moskau und landeten ca. 200 km vor Leningrad in "Wodogon", Lager Nr. 481, mitten im russischen versumpften Urwald. Das Lager wurde laut Findbuch im Jahre 1947 aufgelöst.

Die Fahrt hatte 10 Tage gedauert. Dieses war die schrecklichste Fahrt in den 4 Jahren Gefangenschaft.
Wir wurden also mitten im Wald ausgeladen und einem Haufen wilder Posten übergeben.
Nach dem Ausladen sofort hinsetzen und abwarten. Es wurden dann jeweils 25 Mann von 8 , Gewehr im Anschlag, ungefähr 1 km durch den Wald in das vorbereitete, so genannte Lager, gebracht. Man kann sich vorstellen wie lange es dauerte, bis diese 2400 Leute alle im Lager waren.
Das Lager bestand aus einem Quadrat von ca. 200 m Seitenlänge und einem doppelten Stacheldrahtzaun und vier Wachtürmen mit Maschinengewehren bestückt. Vor dem Tor war ein Wachlokal (Blockhütte) errichtet. Innerhalb des Zaunes war noch mal eine neutrale Zone von 3 m geharkt die keiner betreten durfte.
Beim Einmarsch in das Lager wurden wir gefilzt, dass wir nur Kochgeschirr, Löffel und Decke, Mantel und das was wir am Körper trugen behalten durften.
Wir lagen nun mit 2400 Mann in diesem verhältnismäßig kleinen Lager unter freiem Himmel, aber es war ja Sommer.
In den nächsten Tagen haben wir uns dann Laubhütten gebaut um wenigstens nachts etwas geschützt zu liegen.
Essen gab es hier in drei Raten. Die Feldküchen im Lager reichten gerade um 1/3 der Lagerbelegschaft mit Liter Suppe zu versorgen. Kochen mussten Gefangene. Brot wurde auch in schnell herbeigeschafften Backöfen gebacken. Russisches Brot ist natürlich nicht vergleichbar mit deutschem Brot. Es wird in Formen gebacken und daher entsprechend nass. Das Wasser im Brot wird natürlich bei der Zuteilung mit gewogen. Daher sind die entsprechenden Rationen die man bekam auch klein.
Die gesamte Lagerbelegschaft wurde nun aufgeteilt in Kompanien und Züge. Jede Kompanie und jeder Zug wurde einem ehemaligen deutschen Offizier, die mit im Lager waren, und einem russischen unterstellt. Die deutschen Offiziere brauchten nicht zu arbeiten. Da hat sich der Russe strikt an die Genfer Konvention gehalten.
Dann kam die eigentliche Aufgabe auf uns zu: Holzeinschlag für Leningrad. In dem ganzen Gebiet sollte Kahlschlag gemacht werden. Nun muss erwähnt werden, dass der russische Wald in dieser Gegend kein geordneter Wald nach deutschem Vorbild, sondern ein in sumpfigem Boden stehender Mischwald mit viel Unterholz ist.
Die Kompanien wurden nun eingeteilt zum Holzschlag, Kleinbahnbau, später noch zum Holztragen zur Kleinbahn und zum Bau der Lagerblockhäuser und Blockhäuser für die russische Lagerführung.
Ich landete bei einer Holzschlagkompanie. Noch nie gemacht oder davon gehört.

Es ist nicht zu verheimlichen, dass die Russen entweder Angst hatten, dass wir weglaufen würden oder wirklich noch Angst vor den ehemaligen deutschen Soldaten. Uns wurde zum Holzschlag ein Karree angewiesen, das von Schneisen umringt war, an jeder Ecke russische Soldaten mit Maschinengewehr, unheimlich viele Menschen in dem kleinen Karree. Man hatte Angst uns Werkzeuge zu geben was zum Holzfällen erforderlich war.
Es dauerte einige Tage bis der Arbeitseinsatzoffizier der Lagerleitung klar machen konnte, dass man zum Holzfällen Axt und Säge braucht und genügend Platz, dass niemand beim Fällen zu Tode kam.
Natürlich wurde uns dann auch die so genannte "Norm" mitgeteilt, die jeder erfüllen musste. Das Wort Norm war für uns nicht geläufig. Es wurde uns aber schnell klar gemacht mit Kostabzug, Karzer und Schlägen.

Da man beim Holzfällen mit Säge automatisch mit zwei Mann arbeiten musste, sollte am Tag pro Person 3,5 cbm Brennholz oder 3,0 cbm Bauholz erstellt werden. Das wären also 7 cbm Brennholz oder 6 cbm Bauholz für eine Gruppe gewesen.
Da natürlich unsere deutschen Offiziere auch bei Erfüllung der Norm eine bessere Verpflegung bekamen, kann man sich den Druck vorstellen, der auch von dieser Seite kam.
Nun muss ich sagen, wir hatten einen ehemaligen Leutnant aus Bremen, der uns immer beigestanden hat und uns immer gesagt hat, macht euch für den Russen nicht kaputt, auch wenn ich weniger zu essen kriege.
Abends, wenn wir die Norm geschafft hatten, wurde uns immer mit einigen Leuten zusammen ein Stamm Holz aufgepackt, den wir ins Lager mitnehmen mussten zum Lagerbau.
Im Spätsommer 1945 kamen dann große amerikanische Zelte. Das Lager wurde erweitert, es war vorher schon einmal seitlich erweitert worden zum Bau von festen Baracken und die Zelte wurden aufgebaut. Wir zogen dann aus unseren Laubhütten in die Zelte um, wo wir bis Anfang Dezember auch blieben. Ende November, Anfang Dezember lag morgens auf dem Zeltdach schon der erste Schnee. Da kann man sich vorstellen, wie wir in den Zelten gefroren haben. Es waren im Zelt nur Pritschen zum Schlafen gebaut aus runden dünnen Holzstämmchen, gepolstert mit Reisig. Wir lagen dann dicht an dicht nachts auf den Pritschen, was auch gut so war. Wir haben uns gegenseitig warm gehalten.

Der Holzschlag ging nun in den Winter hinein. Der Weg ins Holz wurde im tiefen Schnee, in Fünferreihen marschierend, immer weiter und schwerer. Die Wege waren unbefestigte schmale Waldwege.
Winterkleidung kannten wir nicht. Wir mussten mit dem vorlieb nehmen, was wir hatten. Und das war das, was wir im Sommer auch getragen hatten, wir hatten natürlich noch den Mantel. Es wurde dann aus Lappen zusammengeflickt, was einigermaßen warm hielt.
Dazu kamen noch mittlerweile Kleiderläuse, Flöhe und Wanzen mit denen wir zu kämpfen hatten. Kopfläuse gab es keine, da wir ja keine Haare am Körper hatten. Da hatte der Russe wohlweislich dafür gesorgt. Im Wald wurde die Bekleidung dann ausgezogen und über das offene Feuer gehalten, damit die Läuse durch die Hitze heraus fielen. Man musste sehr vorsichtig sein, denn was verbrannte wurde nicht ersetzt. Viele Gefangene hatten die Füße so kalt, dass sie sich mit den Schuhen so dicht ans Feuer stellten, dass die Schuhe vorne verbrannten ehe sie es merkten.
Das Essen wurde im Winter auch immer schlechter, zum Teil gab es nur erfrorene Kartoffeln in Wasser und ohne Salz gekocht. Da schwammen die Kartoffelschalen oben auf. Es waren ja erfrorene Kartoffeln, die getaut mit einem S-Eisen zerstampft wurden und dann gekocht.
Es gab die ersten Sterbefälle. Die Leute vielen abends auf dem Weg ins Lager einfach um und blieben im Schnee liegen. Wenn alle Kommandos im Lager waren wurde ein Schlitten angespannt und die Umgefallenen unterwegs eingesammelt.
Wer kam da noch lebend im Lager an?
Man kann sich das gar nicht vorstellen, wenn einer im Glied auf dem Heimmarsch umfiel, dann machten die dahinter Kommenden einen Schritt darüber als ob sie das gar nicht bemerkten.
Jeder hatte das Bestreben selbst heil ins Lager zu kommen. Auch da hatte unser Leutnant die Idee, die Stärksten, was man noch stark nennen konnte, nach hinten zu nehmen, damit jeder der vorne umfiel mit ins Lager geschleppt wurde.
In dem harten Winter in der Nähe des Wolchow war auch nicht die Möglichkeit Gräber auszuheben, um die Toten zu begraben. Der Boden war dafür zu hart gefroren. Da wurden die Toten am Rande des Lagers gestapelt bis zum Frühjahr, sie waren ja tief gefroren. Es kamen jeden Tag mehr Tode dazu. Man ging dann abends dahin und hat nachgesehen ob, man nicht einen davon kannte. Ich musste miterleben wie ein guter Kamerad von mir - wir wurden zusammen eingezogen, waren gleichaltrig, waren immer in der gleichen Einheit und haben uns auch nie in der Gefangenschaft aus den Augen verloren - im Winter auf 1946 an Tuberkulose starb.

Im Frühjahr wurden dann alle Toten in einem Massengrab beigesetzt. Ob das heute bekannt ist wo die Toten begraben sind und wie viele? Im Lager waren dann von Juli 1945 bis zum Frühjahr 1946, laut Gerücht, ca. 600 Gefangene gestorben.

Es gab im Lager auch immer noch eine so genannte Alarmkompanie. Diese Kompanie musste nachts, wenn ein Zug beladen werden musste, mit Brenn- oder Bauholz, raus und den Zug beladen, womöglich bis zum nächsten Morgen und dann wieder in den Wald.

Es kam nun Weihnachten 1945. Wir waren mittlerweile in die festen Baracken eingezogen. Die Baracken waren von Gefangenen gebaut, in Blockhausformat zusammengesteckt, ohne einen Nagel. Die Schindeln zum Eindecken der Dächer waren im Lager auf eigens dafür hergestellten Maschinen aus Pappelholz geschnitten worden und wurden dann mit Nägeln befestigt, die man aus Draht gemacht hatte.

Heiligabend kam. Katholische und evangelische Pfarrer, die ja auch im Lager waren, hatten zu einer jeweiligen Andacht eingeladen. Als die Russen merkten, dass die Gefangenen in zwei Baracken strömten, war natürlich die Angst der Wachmannschaft groß und es wurde sofort unterbunden. In den 4 Jahren meiner Gefangenschaft wurde nie wieder zu einer Andacht eingeladen.
Ich habe dann bis Anfang Januar 1946 im Wald gearbeitet und abends Mitgefangene nach Hause geschleppt, dann hatte es mich auch erwischt, zum Glück im Lager, sodass ich nicht mehr zum Holzschlag mit ausrücken konnte. Ich lag wie erschlagen auf meiner Pritsche.

Im Winter1945 kam dann eine Ärztekommission, meist jüdische Ärzte, die zum Teil in Deutschland studiert hatten und gut Deutsch sprachen, die feststellten, dass mehr Gefangene gestorben waren als die russische Lagerführung gemeldet hatte. Der russische Lagerführer, ein Major, wurde dann im Lager verhaftet und vor unseren Augen vom Militär abgeführt. Er hatte angeblich für die nicht gemeldeten Toten auch noch Verpflegung empfangen, wenn man das so nennen kann und schwarz verscherbelt.
Alle Gefangenen wurden nun von der Ärztekommission untersucht und es erfolgte eine Einstufung in verschiedene Gruppen. Gruppe eins voll arbeitsfähig. Dann wurden drei Krankenkompanien aus Dystrophie eins, Lagerbeschäftigung, Dystrophie zwei, leichte Lagerbeschäftigung und Dystrophie drei, Todkranke aufgestellt.
Ich kam zu Dystrophie eins, Lagerarbeit. Man glaubt gar nicht was man alles erfinden kann, um auch die Lagerarbeit schwer zu machen.
Natürlich wurde bei dieser Untersuchung auch unter dem linken Arm nach dieser Blutgruppenbezeichnung geschaut, die eine Zugehörigkeit zur Waffen-SS bestätigte.
Das wurde natürlich in der Akte festgehalten, die einen im Leben der Gefangenschaft begleitete.
Um nun auf die Arbeit eines Distrophykranken zurück zu kommen.
Ich habe zum Beispiel mit dem Pferdeschlitten, ein Fass obendrauf, Wasser vom Fluss hinauf zur russischen Küche gefahren. Und das im Februar 1946, dem kältesten Monat im Jahr. Einige Male war ich gefahren und plötzlich begegnet mir ein russischer Major, springt mit einer Hand voll Schnee auf mich zu und reibt mein Gesicht kräftig ein. Mein Gesicht war also weiß erfroren, vor allem die Nase. Er schickte mich sofort ins Lager und sagte "Nase kaputt," nahm mein Pferd und wahrscheinlich ist er damit zur russischen Küche gefahren. Es gab auch so welche.

Die Kompanie der Gruppe Dystrophie eins war außerdem noch zuständig für die Beladung von Holzzügen, wenn einer am Tage kam, wenn die Alarmkompanie noch beim Holzschlag war.
Wir hatten einen hervorragenden deutschen Kompanieführer für diese Kompanie, ein ehemaliger Oberfeldwebel, Pastor aus Ostpreußen, Herr Rehberg - ein Schwein.
Wenn mittags Zugverladung war, kam der Russe und schrie ins Lager auf Deutsch: "Zugverladung." Dann kam dieser Herr Rehberg in die Baracke und brüllte dieses Wort nochmals in die Baracke, wenn wir gerade unsere Wassersuppe erhalten hatten und wir nicht sofort das Kochgeschirr wegstellten, hat er uns das vor dem Mund weggetreten.
Wir sind dann zur Station geführt worden und haben den Zug mit Brenn-, bzw. Bauholz beladen, das natürlich Stunden dauerte. Man muss sich vorstellen, 50 to Waggons wurden durch zwei Türen beladen nach beiden Seiten. Wenn dann abends die Alarmkompanie aus dem Wald kam, wurden wir als Krankenkompanie von denen abgelöst. Dann konnte es natürlich bis in die späte Nacht dauern bis der Zug beladen war. Am nächsten Morgen um sechs Uhr war dann wieder Wecken und die Alarmkompanie musste wieder in den Wald zum Holzschlag.

Es wurde nun Frühjahr 1946.
Es war ein Transport mit Pferden angesagt, die das Holzschleppen für die Gefangenen übernehmen sollten. In der Nähe des russischen Stabs wurde in der Eile von den Gefangenen ein Stall in Blockhausart errichtet. Damit man die Pferde draußen anbinden konnte, solange der Stall gebaut wurde, wurde ein langer Zaun aus Baumstämmen angefertigt.
Die Pferde kamen. Alle mit dem Trakehner-Brandzeichen. Also Pferde aus Ostpreußen, mit abgefressenen Mähnen und Schwänzen. So ausgehungert waren diese armen Mähren. Man band sie an den Baumstämmen an. Am nächsten Morgen waren diese Baumstämme total aufgefressen und die Pferde liefen frei herum. Sie wurden dann wieder eingefangen und erneut angebunden. Die Pferde wurden dann in der nächsten Zeit etwas aufgepäppelt und mussten in den Wald zum Holzschleppen.
Mittlerweile war es aber so warm geworden, dass der feuchte Waldboden von Schnaken so wimmelte. Es war also für Pferde ein Arbeiten am Tag unmöglich. So gingen die Pferdeführer mit ihren Pferden nachts hinaus zum Holzschleppen. Morgens kamen die Pferdeführer ins Lager und hatten ganze Beutel voll mit Fröschen. Die wurden dann im Laufe des Vormittags geschlachtet und gebraten. Froschschenkel schmecken gut. Ich habe es probiert.
Das mit den Pferden ging solange gut wie sie Hafer kriegten.
Aber die Gefangenen haben so viel Hafer abgezweigt, dass die Pferde nicht mehr genug davon hatten. So kam es, dass die Pferde so schwach wurden, dass sie nicht mehr raus konnten zum Holzschleppen. Es wurde eine Quarantäne für die Pferde von drei Wochen angeordnet. In dieser Zeit mussten die Gefangenen wieder das Holz zur Kleinbahn schleppen.
Im Lager entwickelte sich ein reger Handel mit Hafer. Der wurde auf eigens eingerichteten Feuerstellen gekocht und gegessen. Das bekam natürlich nicht jedem gut der zu viele Spelzen mitgegessen hatte. Es kam zu Fällen von Verstopfung die sehr schlimm waren und vom Lagerarzt behandelt werden mussten. Deshalb wurde der Hafer erst erhitzt, damit er platzte, die Spelzen wurden heraus geblasen und dann gekocht. Das wurde natürlich von vielen nicht gemacht.
Nun kann man sich ein Lager mit ca. 1800 Gefangenen vorstellen, dass dort jeder Beruf vorhanden ist. So unter anderem auch Architekten. Das hatten die Russen spitz gekriegt und von diesen Pläne für Holzhäuser entwerfen lassen. Es kamen dabei wunderschöne kleine Holzhäuser heraus, fast wie kleine Jagdschlösschen.
Diese Häuser wurden dann zum größten Teil von den Gefangenen der Krankengruppe eins, mit einigen Holzspezialisten, auch Gefangene, im dichten Wald heimlich gebaut. Ich war auch dabei und habe dann einige Wochen mit einer großen Teufelssäge mit noch einem Gefangenen Bretter gesägt. Da wird ein zweiseitig beschlagener Holzstamm auf zwei Böcke gelegt und mit dieser Säge zu Brettern zersägt.
Die Schnaken haben uns fast gefressen.
Diese Häuser wurden dann, wenn sie fertig waren, abgebaut auf Loren über Holzschienen zum Gleis transportiert und auf Waggons verladen. Über diesem Bauholz wurden dann einige Schichten Brennholz gestapelt, damit das Bauholz auf den ersten Blick nicht zusehen war. Wie diese Häuser in Leningrad an den Mann gebracht wurden, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls, legal war das nicht. Dann muss man noch eins vermerken, das Holz mit dem die Häuser gebaut wurden, war frisch geschlagen. Wie die Häuser aussahen wenn das Holz getrocknet war, ich weiß es nicht.
Diese Häuser wurden dann später direkt am so genannten Bahnhof gebaut und verladen, wie auch vorher, immer mit einigen Lagen Brennholz darüber.
Bei diesen Arbeiten habe ich das zweiseitige beschlagen von Holzstämmen auf ein bestimmtes Maß mit der Axt gelernt. Anschließend wurden diese Stämme noch von beiden Seiten gehobelt so dass eine glatte Wand innen wie außen zustande kam.
Wie vorhin schon erwähnt, es waren wunderschöne Holzhäuschen.

Nun nochmals zurück zu dem Holzschleppen mit Pferden. Für die Pferde war dafür ein Holzschlitten aus zwei Stangen mit Kufen, darüber zwei Schemel, gebaut worden. Nun kann man sich vorstellen, dass bei der Arbeit bei Nacht so ein Schlitten kaputt gerissen wird. Diese Schlitten wurden dann am Morgen mitgebracht, um sie am Tage zu reparieren. Die Schemel waren alle gezapft und verkeilt. Dafür waren schöne schlanke Keile nötig. Diese Keile habe ich fast nur noch gefertigt. Ein Zeichen dieser Arbeit trage ich noch an meinem linken Zeigefinger. Ich hatte fast meinen Finger mit angespitzt.

Im Juni 1946 wurde dann ein Transport von Distrophykranken in Richtung Leningrad zusammengestellt, zum Aufpäppeln, wo ich auch dabei war.
Wir landeten also im Juni 1946 in einem Lager 339, ein ehemaliges Kloster in Leningrad, am rechten Ufer der Newa. Die Gefangenen in diesem Lager waren alle einigermaßen gut genährt. Es war doch ein Unterschied, ob ich in einer Großstadt oder im Waldlager war.
Wir hatten natürlich vierzehn Tage Quarantäne, ehe wir arbeiten mussten.
Abends standen wir im Hof wenn die Kommandos rein kamen. Es fiel hier und da mal ein Stück Brot ab.
Ich stand noch alleine im Hof, es war nichts abgefallen, da kam ein stämmiger Bursche auf mich zu und fragte: "Wo kömmst du da her?" Ich habe anständig geantwortet: "Aus dem Siegerland." Dann sagte der Mann: "Dat weiß ech doch scho lang, awer us welchem Kaff beste da?" Da fiel mir erst auf, dass der Mann Siegerländer Platt sprach. Ich antwortete: "Us Schelderhötte." Dann sagte er: "Ech sieh Völkersch Willem va Geisweid." Er war der Bruder von der Fa. K. Völker aus Geisweid und Kommandoführer einer Arbeitsgruppe in Leningrad. Dann sagte er: "Mensch wat best du schroo." Das heißt soviel auf Siegerländer Platt, was bist du dürr. "Komm mol met en de Lagerköche," sagte er zu mir. Ich trottete mit ihm zur Küche. Dann sagte er zu dem Küchenbullen: "Gib dem mal was zu Essen und beschäftige ihn in der Küche. Der ist den ganzen Tag im Lager, du weißt, Quarantäne." Das Veto, das vom Küchenbullen kam, wurde von Wilhelm kurz beendet. Da wusste ich dass Wilhelm doch etwas Macht im Lager hatte. Ich ging also in die Küche, bekam einen Schlag Suppe, die ich mit Heißhunger verzehrte und durfte dann die Kessel sauber machen.
Das war natürlich was für mich. Der festgebackene obere Rand im Kessel, bis zu dem die Suppe gestanden hatte, habe ich ganz vorsichtig abgeweicht und ins Kochgeschirr verfrachtet. Das war noch mein Essen nach dem Küchendienst.

Nach vierzehn Tagen Quarantäne ging es natürlich dann mit einem normalen Kommando raus zur Arbeit. Ich war beschäftigt bei dem Kommando "Towretsches Kaja." Das war eine Straße mit Gebäuden aus Offizierswohnungen, wo das Dach durch einen Bombentreffer beschädigt war. Wir mussten es wieder aufbauen.
Anschließend habe ich in diesem Gebäude Heizkörper montiert. Uns wurde von einer russischen Meisterin die Montage von Heizkörpern mit allem was dazu gehört beigebracht. Das biegen von Stahlrohren, schneiden von Gewinde mit der Schneidkluppe, alles habe ich da gelernt.
Die Meisterin hatte zu der Zeit in Leningrad gewohnt, als die deutsche Armee Leningrad belagerte. Manchmal hat sie uns zu erzählen versucht, wie hart das Leben zu der Zeit in Leningrad war. Ich habe aber bei dieser Frau nie einen Hass auf uns verspürt.

Nebenbei wurden bei diesem Kommando so genannte Rubbelbretter zum Wäschewaschen an den verschiedenen Wohnungen angeboten. Es war zwar verboten, aber trotzdem wurde es versucht. Diese Rubbelbretter wurden auf den einzelnen Kommandos angefertigt, im Lager zusammengebaut, dann wieder auseinander genommen, unter der Kleidung versteckt und auf der Baustelle wieder zusammengesetzt und zum Kauf angeboten. Diese einzelnen Arbeitsgänge wurden immer von einem anderen vorgenommen. Es mussten ja verschiedene Berufe sein, die diese Arbeiten ausführten. Holzrahmen bauen, das Zinkblech klopfen, zusammenbauen. Das Geld was dann herein kam, wurde dann anteilig verteilt.

Neben den Arbeiten auf dem Kommando, habe ich nach Feierabend immer wieder in der Küche gearbeitet, meistens bis Mitternacht. Da hatte ich nach einigen Wochen natürlich wieder einiges an Gewicht zugelegt. Ich konnte mich ja satt essen, wenn auch nicht vom Feinsten, obwohl es für mich eine schwere Arbeit war. Ich konnte mich in der Küche abends nicht ausruhen.
Dann kam der November 1946. Wir kamen abends von der Baustelle und wurden sofort vom Tor ins Revier gelotst. Da saß eine Kommission Ärzte, deutsche und russische, Arbeitseinsatzoffizier, Lagerführung - deutsche und russische, Politoffizier und Dolmetscher. Nach einigen Anderen kam ich an die Reihe. Man musste sich ausziehen und kam zum russischen Arzt. Der schaute mich an, und fragte den deutschen Arzt: "Pohemu etot helovek distrofi, etot pervyj gruppa."
Da wusste ich schon Bescheid. Das heißt soviel, warum ist dieser Mensch Dystrophie, er ist erste Gruppe.
"Kak familiq?" - Wie ist der Familienname. Ich musste meinen Namen angeben. An der Tür wurde uns gesagt, Sachen packen und sofort bereithalten zum Abtransport. Wohin, das wusste niemand. Wir mussten sofort unsere paar Sachen packen und im Hof auf wartende LKWs steigen, die uns abtransportierten. Man konnte noch nicht einmal auf Wiedersehen sagen, den Menschen die man kennen gelernt hatte. So war also das knappe halbe Jahr Küchenarbeit doch kein Segen für mich. Hätte ich in dem halben Jahr von dem gelebt was mir zustand, wäre ich sicher nicht zu diesem Kommando gekommen.
Es ging zum Bahnhof wo wir wieder mal in Waggons verladen wurden. Wir sind nachts gefahren und den nächsten Tag und kamen dann in Pljussa, Lager Nr. 343, ein Ort zwischen Pleskau und Luga, an. Wir mussten dann noch marschieren, einen ganzen Tag. Nachts haben wir in einem Heuschober verbracht und am nächsten Tag bis ungefähr mittags sind wir noch marschiert. Wir kamen bei Schneeregen in einem Lager mitten im Wald an und wurden am Tor von dem deutschen Lagerführer, ein Altkommunist namens Knipp aus Essen und seinem so genannten UvD, empfangen. Es waren zwei widerliche Gestalten. Bei ihrem Anblick überkam uns schon das kalte Grauen.
Man hatte mit unserer Ankunft noch nicht gerechnet. Daher waren unsere Unterkünfte auch noch nicht fertig. An dem Bunker, in dem wir Unterkunft nehmen sollten, waren zwar die Außenwände fertig aber noch kein Dach darauf. Wir mussten in dem Dachlosen Gebäude solange kampieren, bis wir das Dach in eigener Regie gebaut hatten. Und das bei Schneeregen im November. Nachdem wir unsere Unterkunft fertig hatten, kam wieder das leidige Thema, Holzeinschlag auf uns zu. Wir waren dieser Arbeit ja knapp Jahr entronnen.

Nun ging es wieder los mit Norm, die uns ja bekannt war. Es war gerade dieser deutsche Lagerführer, der uns klarmachte, dass wir dem russischen Volk einiges gutzumachen hätten, wir sollten das nicht vergessen. Auch die russische Frau würde mit dieser Norm fertig, da würden wir es doch nicht wagen diese Norm nicht zu schaffen. Er würde sich dafür einsetzen, dass jeder mit Karzer bestraft würde, der es wagen sollte die Norm nicht zu schaffen. Mit solchen Worten wurden wir von dem Altkommunisten Knipp aus Essen konfrontiert. Was Karzer hieß, kann nur der ermessen, der in dieser Erdhöhle draußen vor dem Tor bei den russischen Posten eine Nacht erlebt hatte. Wir konnten dann nur im Lager nachts das Geschrei hören, wenn die russischen Posten ihren Mut an den Insassen kühlten.
Wir waren in dem Bunker untergebracht, auf der einen Seite drei Pritschen, auf der anderen Seite zwei Pritschen übereinander, in der Mitte ein schmaler Gang. Die Pritschen waren so angeordnet wegen der Dachschräge. Es waren durchgehende Stellagen aus rundem Holz und mit Reisig etwas gepolstert. So lagen wir dicht an dicht nebeneinander. Das war im Winter natürlich gut so. Es wurde nachts nicht so kalt. Wir hatten das ja schon mal erlebt.
Um sechs Uhr morgens wurde geweckt. Waschen war Luxus. Es gab sowieso kein Wasser. Dann wurde etwas Brot und Suppe ausgegeben. Das Brot wurde bei Kienspanlicht geteilt. Kienspan ist ein Holzspan aus der Spitze der Kiefer wo sich das brennbare Harz angesammelt hat, räuchert dermaßen, dass man unter der Nase ganz schwarz war. Anschließend kam das Kommando, raus treten zum Waldeinsatz.
Dann kam dieser deutsche Lagerführer zur Tür hinein und prügelte mit einem Knüppel auf die Leute ein. Man muss sich vorstellen, dass bei dem Befehl, raus treten zum Holzeinsatz, die gesamte Mannschaft in den Mittelgang sprang und dieser dann voll gestopft mit Menschen war. Das interessierte dieses Schwein überhaupt nicht. In dem anderen Bunker ging es genau so zu. Da ging der so genannte UvD mit einem Knüppel durch.
Am Tor musste nun Aufstellung genommen werden. In Fünferreihen waren wir dort angetreten und warteten auf die LKWs, die uns in den Wald fahren sollten. Das waren Langholztransportfahrzeuge, also flache Wagen mit viel Schnee darauf, man hatte kaum die Möglichkeit sich festzuhalten. Dann ging es über Holperwege und Knüppeldämme in den Wald. Aber bevor die LKWs kamen verging eine unendliche Zeit, die wir am Tor im Schnee stehen mussten. Dabei fielen natürlich viele wegen Schwäche um und wurden ins Revier geschleppt. Der deutsche Arzt stellte dann fest, ob einer simulierte oder wirklich krank war. Nachdem wir das Lager verlassen hatten ging dann der deutsche Lagerführer ins Revier und machte dem deutschen Arzt die heftigsten Vorwürfe, dass er zu viele Simulanten im Lager gelassen hätte. Der Arzt war schon zu bedauern.
Es war ja nun heftiger Winter mit klarem Frost. Man hatte uns unsere Schuhe weggenommen und uns russische Valenki, also Filzstiefel, gegeben. Das war nicht schlecht, solange es trocken war. Aber Mitte Dezember kam eine kurze nasse Wetterkapriole und wir mit den Filzstiefeln im nassen Wald. Die Stiefel waren natürlich sofort durchnässt und es war keine Möglichkeit sie über Nacht zu trocknen. Schuhe waren auch keine mehr vorhanden, also mussten wir ab Januar, wo wieder klarer Frost kam, mit den nassen Stiefeln in den Wald. Dass da Erfrierungen zustande kamen, war vorauszusehen. Erfrierungen wurden natürlich auch bei den Russen als Selbstverstümmelung bestraft. Später stellte sich heraus, dass die Schuhe, mit Hilfe des deutschen Lagerführers, auf dem schwarzen Markt verkauft worden waren.

Am 12. Dezember 1946 war mein 20. Geburtstag. Ich hatte mit meinem Kumpel Günter Kappes verabredet an diesem Tag nicht unsere Norm zu schaffen, sondern am alten Langholz die gezeichneten Köpfe abzuschneiden und nochmals anzugeben. Das haben wir auch getan.
Abends kam der russische Natschalnik, der Chef, zum Aufmessen. Da stellte er fest, dass der Schnitt am Kopf des Stammes neu war und am Fuß alt. Schon waren wir aufgefallen. Wir hatten daran aber auch nicht gedacht. Das wurde natürlich dem deutschen Lagerführer gemeldet und wir machten uns schon die heftigsten Vorwürfe was nun passieren würde. Angst vor dem Karzer hatte ja nun jeder. Als wir abends aus dem Wald einrückten, mussten wir sofort zum deutschen Lagerschwein.
Uns wurden natürlich die heftigsten Vorwürfe gemacht, dass wir das russische Volk bestohlen hätten und dass das natürlich Konsequenzen haben müsste.
Zum Glück fehlte an der Lagerküche Brennholz. Daher wurden wir verdonnert die ganze Nacht Holz zu sägen für die Lagerküche. Das war für uns eine Erleichterung gegenüber Karzer. Am nächsten Morgen ging es natürlich wieder hinaus zum Holzschlag.
Später wurden wir nicht mehr zum Holzschlagen eingesetzt, sondern zum Langholzverladen. Wir wurden dann morgens auf diesen Langholzwagen hinaus gefahren, waren durchgefroren wenn wir draußen ankamen und mussten sofort das Bauholz auf die Wagen verladen. Das Holz wurde über zwei schräg am Wagen angelegte Hölzer auf dieselben gerollt. Meistens war das Holz über Nacht tief eingeschneit, so dass es erst vom Schnee gesäubert werden musste. Die Fahrer hatten natürlich auch ihre Norm, was sie am Tag abfahren mussten. Da gab es nicht erst ein Aufwärmen für uns. Es musste sofort beladen werden.

Eines Abends saß ich auf der Pritsche als unser Lagerarzt, ein Dr. Fuchsius, Knappschaftsarzt aus Gelsenkirchen, durch den Bunker ging. Er blieb bei mir stehen und sagte, komm, geh du mal mit. Ich sprang von der Pritsche und ging mit ihm. Wir gingen in den Revierbunker. Da habe ich das Elend gesehen, von dem ich bisher keine Ahnung von hatte. Todkranke Menschen an den Wänden gestapelt, in primitiven Kojen, drei übereinander, wo jeden Tag der Tod kam. Es war schrecklich.
Das Essen für diese Todkranken, die nichts mehr gegessen haben, hat der Arzt natürlich immer geholt und an junge Leute verteilt. Und da war ich plötzlich auch dabei.
So habe ich dann jeden Abend einen Schlag Essen von den Sterbenden bekommen.

Wir kamen abends aus dem Wald und nichts ahnend lag da mitten im Gang des Bunkers ein Toter. Tot geprügelt von dem deutschen Lagerführer und seinem Kumpan. Angeblich hat man den Innendienstkranken beim Diebstahl erwischt, was noch kein Grund war einen Menschen zu erschlagen. Der Name des Mannes war Josef Smozik aus dem Ruhrgebiet. Ich habe die Todesnachricht nach meiner Rückkehr an die Frau des Getöteten gegeben. Dieses geschah nach Rückfrage von Dr. Fuchsius, der nicht mehr genau wusste, was geschehen war.

Der ominöse Lagerführer war dann auch plötzlich aus dem Lager verschwunden. Es wurde gemunkelt, dass er mit dem Verkauf der Schuhe zu tun hatte. Wir - Dr. Fuchsius, der Küchenchef, ein Metzgermeister aus Düsseldorf und ich - haben später nach unserer Heimkehr versucht den Herrn Knipp zu suchen. Vergebens. das Schwein ist im Westen nicht aufgetaucht.
Im Laufe des Jahresanfangs 1947 wurde dann im Lager eine neue Revierbaracke gebaut. Es war kein Bunker mehr, sondern ein Gebäude über der Erde. Es wurden auch ein paar Medikamente angeschafft, die aber nachts von den Russen gestohlen wurden. Unser Deutsche Arzt wohnte zu dieser Zeit in dem neuen Revier. Es wurde da der Vorschlag von dem Arzt gemacht, eine Nachtwache ins Revier zu setzen. Und wenn es ein deutscher Gefangener ist. Dann kommen die Russen nicht mehr zum Stehlen. Ich wurde gefragt, ob ich keine Krankheit hätte, die mich berechtigte im Lager zu bleiben. Ich hatte damals ein Bein voller Geschwüre, so genannte Phlegmone. Der Arzt guckte sie sich an und schrieb mich innendienstkrank. Von dieser Stunde an musste ich natürlich im Krankenrevier Nachtwache schieben. Und siehe da, es kam kein Russe mehr um Medikamente zu stehlen.
Ich habe nachts da gesessen und geschnitzt bei selbst gebasteltem Licht. Das war eine Corned Beef Dose mit einem Loch oben in der Mitte, ein aus Stoff gebastelter Docht da hindurch, mit Diesel gefüllt, den wir uns bei den Kraftfahrzeugen klauten und schon brannte das Licht. Es war nicht besonders hell, aber es war wenigstens etwas. Da unser Arzt ein Leidenschaftlicher Schachspieler war und mit dem Küchenchef oft spielte, habe ich die Schachfiguren geschnitzt.
Da es nun harter Winter war - es war so gegen Februar 1947, in der Gegend der kälteste Monat - musste ich auch für das Feuer sorgen, damit es nachts nicht ausging. Morgens nach sechs Uhr kamen die ersten Lagerinsassen die sich krank meldeten. Ich musste mir dann den Urin geben lassen. Der wurde in einem Reagenzröhrchen gekocht und dem Arzt gezeigt. Darin konnte er scheinbar feststellen, ob der Mann krank war oder simulierte. Danach ging ich dann schlafen.
Man kann sich vorstellen, nachts im Revier gesessen und am Tag geschlafen. Tageslicht habe ich in der Zeit nicht mehr gesehen. Bei der nächsten Reihenuntersuchung, die nun ab und zu durchgeführt wurde, wurde ich natürlich sofort wieder Dystrophie geschrieben und war nun wieder in der Krankenkompanie. Ich muss sagen, dass die Situation sich im Lager, seit dem Weggang des deutschen Lagerführers, etwas gebessert hatte.
Mittlerweile war der ehemalige Kollege, Günter Kappes, mit dem ich wochenlang Holz gemacht hatte, an Schwäche gestorben. Man hatte ihn im Wald beim Austreten im Schnee liegend fast erfroren aufgefunden. Er wurde noch ins Revier geschafft und ist dort verstorben. Die Todesnachricht hatte ich dem Vater in Oblaten mitgeteilt. Günter Kappes, war verheiratet und seine Frau hatte sehnlichst auf ihn gewartet.

Nun muss ich eins Mal erwähnen was das Rauchen betrifft. Als Gefangener sollten wir am Tage fünf Gramm Machorka bekommen. Machorka sind geschnittene Stängel der Tabakpflanze, also entsprechend schwer und daher wenig. Das war natürlich für einen Raucher viel zu wenig. Daher gingen die meisten Raucher her und tauschten ihre so nötigen Lebensmittel gegen Machorka der anderen ein. Da hatten die meisten Gefangenen keine Skrupel das mitzumachen. Es war natürlich so, dass viele starke Raucher zuerst dabei zu Grunde gingen. Günter war auch starker Raucher. Da ich noch nie geraucht hatte, habe ich mir da nochmals geschworen, nie mit dem Rauchen anzufangen. Es war doch festzustellen, dass Rauchen eine schwere Sucht ist. Dies nur kurz zum Thema Rauchen.

Mittlerweile war im Lager ein russischer San-Instruktor angekommen. Auf gut Deutsch, ein Sanitäter, der auch im Krankenrevier tätig sein sollte. Er hieß Wanja, war auch Jahrgang 1926 wie ich und sprach ein sehr gutes Deutsch. Er stammte aus der Ukraine. Er war Soldat. Man konnte sich gut mit ihm anfreunden. Er hatte einen älteren Bruder der in deutscher Gefangenschaft gewesen war, dort nicht die besten Erfahrungen gemacht hatte. Dieser Bruder war nach seiner Heimkehr in ein Umerziehungslager der Sowjetunion gekommen. Wanja wusste nicht wo dieses Lager war, es war immerhin schon 1947.

Nun kam die Zeit, wo ein deutscher Gefangener beim Entwässerungskanal unter dem Zaun durchgeschlüpft war, ohne dass der Posten das bemerkt hatte. Sein Fehlen wurde erst beim abendlichen Zählappell festgestellt. Es wurde die gesamte Wachmannschaft auf diesen Flüchtigen gehetzt. Nach einigen Tagen mussten wir alle antreten, da wurde der erschossene Gefangene vor die Reihen geworfen und uns ein abschreckendes Beispiel, wie man mit Flüchtigen umgeht, gezeigt.

Mit der Zeit wurde nochmals ein neues Krankenrevier gebaut, mit Ambulanzraum, der Boden aus hellen gehobelten Brettern und eigener Küche. Wir bekamen einen neuen russischen Arzt. Er war Este. Er hat dann gleich an die deutsche Ordentlichkeit appelliert, der Boden bleibt so hell wie er zurzeit ist. Was haben wir den geschrubbt.
Wenn einer kam mit einer blutenden Wunde, der wurde draußen behandelt. Wenn ein Zahn gezogen werden musste, dann draußen vor der Tür. Damit nur kein Blutstropfen auf den Boden kam. Weil ich ja zu der Zeit keine Nachtwache mehr machen musste und ich zur Krankenkompanie gehörte, habe ich dem deutschen Arzt ein bisschen Hilfe geleistet. Zum Beispiel waren im Sommer 1947, der in der Gegend sehr heiß ausfällt, zwei Leute bei der Waldarbeit an Hitzschlag gestorben, wie der deutsche Arzt zweifellos feststellte. Der russische Arzt hatte natürlich diese Diagnose abgelehnt und eine andere Todesursache vermutet und verlangte von dem deutschen Arzt eine Obduktion der Leichen. Der Seziertisch war im Wald schon aufgebaut, es musste ja alles schnell gehen. Da verlangte der deutsche Arzt von mir die Mithilfe bei dieser Angelegenheit, was ich natürlich sofort ablehnte. Er musste sich dann einen anderen Mann im Lager suchen, den er auch sofort fand. Es stellte sich dann doch die Diagnose Hitzschlag heraus.

Später wurde ich dann als Hilfe für den Küchenbullen der Lazarettküche abgestellt.

Das ging so weiter bis September 1947. Da wurde plötzlich ein neues Arbeitskommando von 120 Mann zusammengestellt. Es sollte irgendwohin gehen zu einer neuen Arbeit. Wohin wusste keiner. Der deutsche Arzt war auch dabei. Warum man den mitschickte, waren doch im Lager mehr als 120 Leute - ich weiß es nicht.
Es ging dann mit dem Bahntransport über Staraja Russa, Demjansk nach Valdaj, Lager 395.

Bei dem Bahnhof von Staraja Russa war deutsches Beutegut im Freien gestapelt, vom Klavier angefangen über Elektrogeräte bis zu anderen Hauseinrichtungen.

In der Nähe von Valdaj war ein russischer Militärflugplatz, mit den Wohngebäuden des Militärs, die zum Teil noch von deutschen Bomben beschädigt waren. Ich musste dann mit anderen bei einem großen Wohnhaus den Dachstuhl, der auch bombardiert worden war, wieder aufbauen. Man muss über das Vertrauen der Russen in die gefangenen Deutschen immer wieder staunen. Unter denen, die den Dachstuhl aufbauen sollten, war wohl kaum ein gelernter Zimmermann dabei. Natürlich war ein deutscher Architekt dabei, der sich in der Holzarbeit sehr gut auskannte. Es musste zum Beispiel Holz ohne Nägel angelängt werden, was der Architekt uns zeigte. Bauholz ist in Russland bekanntlich nur 6,50 m oder 4,50 m lang. Ganze Stämme wie bei uns, gibt es dort nicht. Mir kam die Holzarbeit aus dem ersten Lager sehr zugute. Holzarbeit ist eine schöne Arbeit, mit vollem Magen.

Der Führer dieses Kommandos war ein russischer Major, der mit Frau und Kind mitgereist war. Vier russische Posten, der Sanitäter Wanja war auch dabei, sollten auf uns aufpassen. Wir wohnten in einer Baracke, Gefangene, Major mit Familie und die vier Wachtposten. Da ich Wanja aus dem letzten Lager ja gut kannte, wurde ich gefragt, ob ich für die Wachtposten ein bisschen sorgen wollte. Das hieß, morgens eine Schüssel Waschwasser bereitstellen, Suppe in der Küche holen und die Bude nach dem Raustreten ausfegen. Das habe ich natürlich gerne getan, vor allem das Essenholen. Über das, was nämlich übrig blieb, konnte ich verfügen und das war nicht wenig. Die Russen brauchten ja keine eigene Schüssel zum Essen. Das wurde in einer abgeschnittenen amerikanischen Karottendose geholt, auf den Tisch gestellt und dann haben die Vier mit ihren Holzlöffeln gelöffelt. Die Spuren die dann blieben, mussten dann anschließend abgewischt werden. Wenn ich dann gegessen hatte, habe ich den Rest bei Dr. Fuchsius heimlich reingereicht.
Zum Waschen mit einer Schüssel Wasser ist auch typisch Russisch. Es nahm dann jeder einen Becher voll Wasser aus der Schüssel raus. Beim Waschen wurde Wasser in den Mund genommen, auf die Hände gespuckt und das Gesicht gewaschen. Die Hände konnte man ja in dem Wasser waschen wo sich die anderen schon drin gewaschen hatten.
Schlafen musste ich ja bei meinen Mitgefangenen. Da kam es schon mal vor, wahrscheinlich auf Befehl des Majors, dass die Räume nach Messern durchsucht wurden. Alle Messer, meist selbst angefertigt - Gefangene dürfen ja keine Messer besitzen - wurden dann eingesammelt und landeten im Raum der Wachtposten. Ein bis zwei Tage später sagte dann Wanja: "Da sind eure Messer. Gib sie wieder zurück." Da habe ich die wieder verteilt.
Ich war ja nun Zimmermann (Plotnik). Da wurden ich und ein anderer Mitgefangener mal an einem Sonntag von einem russischen Fliegeroffizier geholt. Wir sollten ihm vor der Haustür eine Überdachung bauen. Das haben wir auch zu seiner vollen Zufriedenheit getan und wurden mit einem, zu der Zeit, guten Essen belohnt.

Nachdem die Arbeiten bei diesem Kommando abgeschlossen waren, hieß es wieder Abschied nehmen und verladen zu neuen Taten. Es war ja nun schon November 1947 und recht kalt. Ich musste in dem Waggon mitfahren wo die vier Posten und der Major mit Familie untergebracht waren. In der Mitte des Waggons stand ein Ofen mit Rauchabzug durchs Dach, den musste ich befeuern. Ab und zu habe ich auch Kartoffeln darauf gebraten. Dann musste natürlich das Rauchabzugrohr abgenommen werden, weil sonst für die Pfanne kein Platz war. Man kann sich natürlich den Rauch mit heißem Wasser vorstellen, der dann in dem Waggon war, obwohl die Tür geöffnet wurde. Dann lagen alle flach auf dem Boden, außer mir, weil ich die Kartoffeln braten musste. Wir kamen dann nach einigen Tagen wieder nach Leningrad, wo wir in ein anderes Lager gebracht wurden. Ich habe dann von Wanja nichts mehr gesehen.

Nach einigen Tagen Aufenthalt in Leningrad, ging es dann sofort wieder mit dem nächsten Transport weiter nach Jöhvi (Ixvi), Lager Nr. 289 in Estland.
In Estland angekommen, wurden wir in einem ehemaligen Gutshof untergebracht. Wir hatten dort schon vierer Bettgestelle aus Brettern. Wir hatten zu der Zeit auch schon eine zusammenrollbare, dünne Matratze, so dass wir nicht mehr auf Reisig schlafen mussten. Läuse hatten wir inzwischen auch nicht mehr, dafür hatten die Russen mit ihren vielen Entlausungswagen gesorgt. Dafür umso mehr Wanzen in den Bettgestellen, in den Tischen, überall wo in den Möbeln ein Ritz war, waren Wanzen. An den freien Sonntagen wurden Wanzenrazzien gemacht. Da wurde mit flachen Gegenständen in den Ritzen geschabt, das gab einen fürchterlichen Gestank ab. Wenn man voll gefressene Wanzen tötet, stinkt das ganz erbärmlich. Viele Leute wurden von Wanzen so zerstochen, dass sie einen Arzt aufsuchen mussten. Mir haben die Wanzen nichts ausgemacht.

Neben mir im Bett schlief ein Schmied, der als Alleingänger am dortigen Bahnhof beschäftigt war. Der Chef des Bahnhofes war Lungenkrank und brachte ab und zu einen Hund in die Schmiede, den der Schmied schlachten musste, weil angeblich das Fett des Hundes für Lungenkranke gesund sein sollte. Völliger Quatsch. Das übrige Fleisch des Hundes sollte der Schmied entsorgen. Er entsorgte das in seinem großen Brotbeutel und brachte es abends mit ins Lager. Den Beutel schmiss er mir dann aufs Bett und sagte: "Hier, koch das mal." Dann ging ich, machte das Fleisch kochfertig in Kochgefäße und stellte alles auf die Kochplatte, die in jedem Lager vorhanden war. Man kann sich vorstellen, wie dann die Nasen hochgezogen wurden, wenn das Fleisch dann kochte. Man konnte ja nicht Hund riechen, sondern einfach Fleisch. Das roch ja doch anders als Kartoffelschalen oder Brennesel. Anschließend hat das sehr gut geschmeckt. Die eventuell vorhandenen Trichinen im Hundefleisch hatte ich ja kaputt gekocht.
Einige Zeit später wurde ich dann Brigadier. Zu einer Brigade zählen ungefähr 20 Leute und zwar eine Handlanger Brigade. Da eine Handlanger- oder auch Schwarzarbeiter-Brigade genannt, die Norm nicht schaffen kann, und wenn sie sich noch so sehr anstrengt, war ich immer auf dem Normplan als Schnecke eingezeichnet. Wir waren auf einer Baustelle eingesetzt, wo außerhalb von Jöhvi ein ganzer Ortsteil neu aufgebaut wurde, natürlich für nachziehende Russen. Es wurden Wohnhäuser, kleine Einfamilienhäuser, Clubgebäude, Schule und vieles andere gebaut. Es war schon eine Großbaustelle. Die Bruchsteine wurden in einem nahen Steinbruch gebrochen, auch von Gefangenen. Zement wurde lose in offenen Waggons von Nienburg an der Saale angefahren. Wenn die Fundamente gegossen waren, da wurde einfach der Speis, der an einer zentralen Mischerei gemischt wurde und mit Loren und Pferden gefahren wurde, in die Fundamentgräben gekippt und mit Steinen verfüllt. Dann wurden die Wände von Maurern hochgezogen. Wir mussten dann die Steine und den Speis aufs Gerüst schleppen. Da die Maurer auch ihre Norm hatten, kamen wir mit dem Schleppen kaum nach, da auch die Anzahl der Handlanger pro Haus sehr begrenzt war. Es war ja nun Winter 1947 auf 1948. Auch da wurde weiter gebaut. Der Speis wurde dann angemischt und dann musste das gehen.

An manchen Tagen sollte dann ein Bestarbeiter, ein so genannter Hennecke-Arbeiter gekürt werden. Hennecke war ein, in der damaligen Ostzone, gekürter Bestarbeiter. Er war in der Zone wie auch in der damaligen Sowjetunion beliebt, da man ihn als Vorbild präsentieren konnte. Dann wurde auf Teufel komm raus gemauert, ob es hielt oder nicht, spielte im Moment keine Rolle. Bruchsteine vermauern ist auch nicht so einfach. Man muss ja darauf achten, dass das Mauerwerk auch in der Mitte Verbund hat. Jedenfalls war eine Mauer im Winter schnell hochgezogen worden. Dann sah man, dass die Mauer in der Mitte einen Bauch kriegte. Die Übernorm war ja bereits geschafft. Dann mussten wir Handlanger ran, Löcher durch die Wand stemmen, von beiden Seiten ein Stahlgitter vorgestellt, die Gitter mit dickem Draht vertrödelt, die Mauer wurde wieder zusammen gezogen, die Fugen ausgekratzt und mit Zementspeis verputzt, fertig. Die Maurer hatten dann ihre Übernorm geschafft, aber die Handlanger hatten das Nachsehen.
So kam es auch an einem Lagerhaus. Die Giebelwand sollte in Übernormarbeit erstellt werden, morgens bei schwerem Schneefall und Frost. Die Wand wurde schnell hochgezogen, es lief wie am Schnürchen. Mittags, als die Wand hoch war, hörte es auf zu schneien und es gab Sonnenschein. Sonnenschein auf die eine Seite der Wand. Die Fugen der Wand tauten langsam auf und die Wand beugte sich nach der Seite. Schnell wurde eine Winde geholt und Stahlschienen. Die Schienen aufrecht gestellt und mit der Winde verbunden und die Wand gerade gezogen. Dann wurden die Fugen ausgekratzt und mit Zementspeis neu verputzt. Ein paar Tage später konnte die Winde entfernt werden. Die Wand stand. So Dinge passierten öfter. Und immer waren die Handlanger die geprellten.

Jetzt noch etwas für die Raucher. Wenn wir morgens auf die Baustelle marschierten, in Fünferreihen, die Wachtposten alle fünf Meter im Abstand neben uns, rauchten eine Papirosa. Die Russen rauchten ihre Papirosa sowieso bis zur Papphülse. Dann wurden diese Papphülsen mit dem Finger weggeschnippt, es konnte ja noch ein Zug daran sein. Dann sprangen fünf sechs Gefangene aus dem Glied auf die Hülse, obwohl sie genau wussten, dass die Russen sie schlagen und treten würden. Und das geschah jeden Morgen. Jeden Morgen versuchten auch die Raucher bei der Aufstellung nach außen zu kommen. Und sie wussten, dass sich die Russen amüsierten wenn sie eine Zigarette wegschnippten und trotzdem jeden Morgen dasselbe, Schläge. Das nochmals zum Thema Raucher.

Durch die Baustelle ging die Hauptstraße auf der wir ankamen. Neben der Baustelle stand ein altes Holzhaus was bewohnt war. Die Bewohner hatten eine Kuh, das hatten wir auch festgestellt. Im Flur des Hauses standen immer Säcke mit Kleie. Jeden Morgen ging dann ein kleiner Trupp dahin und klaute Kleie. Als ich das erfuhr habe ich gedacht, gehst auch mal dahin. Ich hatte damals einen Kumpel kennen gelernt, der stammte aus Ostpreußen. Ich hatte auch bemerkt, dass an diesem Morgen zwei Wachtposten weggingen, bevor wir auf die Baustellen entlassen wurden. Meinem Kumpel erzählte ich meine Beobachtung. Wir ließen die anderen erst mal vorgehen. Als diese in dem Flur waren, hörten wir schon das Jaulen wenn einer geschlagen wird. Da wussten wir Bescheid und sind weiter auf unsere Baustelle. Beim Vorbeigehen an einem Rohbau, sahen wir eine Katze die im Fenster eines Rohbaues saß. Mein Kumpel machte den Vorschlag diese Katze zu fangen. Im Haus war ein Kellerloch ohne Treppe wo später eine Leiter angestellt werden musste, da haben wir die Katze hinein gejagt. "Erschlagen tu ich die nicht, sagte ich." "Dann musst du die aber abziehen," meinte er. Das war geklärt. Er erschlug die Katze und ich habe sie abgezogen und ausgenommen. Das Fleisch wurde gleich in die Kochgeschirre gepackt und wir hatten wieder etwas zu kochen. Mein Schmied, der mich öfter mit Hundefleisch versorgt hatte, war mittlerweile aus dem Lager weggekommen. Von dieser Seite kam also nichts mehr.

Mir viel da ein Erlebnis ein, ich war im späten Frühjahr 1944 als Bewachung von russischen Kriegsgefangenen eingeteilt, die in Berlin-Spandau das dortige Heereszeugamt räumen mussten. Als im Freien die dort lagernden Tarnnetze verladen wurden, hatten sich unter den Netzen wilde Kaninchen eingenistet. Die Russen haben die Kaninchen gejagt, gefangen und sofort geschlachtet und gekocht. Da hab ich mich noch gefragt, ob die so einen Hunger haben? Jetzt war die Zeit da, wo es mir genau so ging. Nie im Leben hätte ich eine Katze schlachten können.

Etwas später, einige Russen waren schon in die halbfertigen Häuser eingezogen, mussten wir am Gleis einen dort eingetroffenen Zug Zement entladen. Wie vorher schon erwähnt, es waren flache, offene Waggons. Der Zement kam aus Nienburg an der Saale. Es war Spätherbst und morgens noch dunkel. Neben dem letzten Haus, das schon von Russen bewohnt war, war ein Transformatorenhaus gebaut worden, aber noch leer. Dafür hatten die Russen dort ihre Hühner untergebracht. Mein ostpreußischer Kumpel kam etwas später, mit seinem weiten Mantel bei uns an und winkte mir mit dem Kopf, dass ich mal kommen sollte. Wir gingen dann hinter den Schuppen wo der Zement gelagert werden sollte. Dort zeigte er mir unter seinem Mantel ein Huhn, dem er den Hals zuhielt, damit es nicht schreien konnte. Wir haben es schnell mit dem was man Messer nennen konnte getötet, gerupft, ausgenommen und in die Kochgeschirre verteilt. Das ging so schnell, niemand hatte etwas bemerkt. Und wir hatten wieder eine Mahlzeit zum Kochen.
Dann wurde der Zement mit der Kreuzhacke und Schippe entladen. Die obere Schicht war ja nun doch vom Regen hart geworden.

In Kohtla-Järve, einem Nachbarort von Jöhvi, war eine Ölschiefergrube. Die Deutschen hatten bei dieser Grube Fundamente gebaut, um den Ölschiefer zu verwerten. Die Russen haben Leute gesucht, die was von den Fundamenten wussten, aber keinen gefunden. Dann wurden die Fundamente gesprengt.
Von dieser Ölschiefergrube wurde eine Gasleitung in Richtung Leningrad gebaut.
Den Graben dafür mussten wir ausschachten. Es gab auch wieder eine Norm dafür. Pro Mann sollten wir am Tage drei laufende Meter Graben ausheben, zwei Meter tief, die Sohle 60 cm breit. Vollkommen unmöglich. Wir wurden morgens mit dem LKW hingefahren. Die Trasse ging am Finnischen Meerbusen vorbei. Eines Abends kam der LKW nicht herbei. Wir sind dann mit unseren Wachtposten zu Fuß los marschiert. Wir wussten, dass wir an einem großen Kappusfeld vorbei kamen. Da haben wir die Wachtposten solange bequatscht, bis diese zugaben, dass jeder einen Kohlkopf unter dem Mantel mitnehmen konnte. Natürlich waren wieder verschiedene dabei, die 3 oder 4 Kappusköpfe unter dem Mantel hatten. Einen hätte man ja nicht gesehen, aber 3, das waren dann doch zu viele. Am Tor angekommen hatten das die Torwächter sofort bemerkt. Wir mussten unsere Kohlköpfe alle abgeben, es war ein ganzer Berg. So wurden wir auch den einen noch los den wir mitgebracht hatten.

Im Lager gab es damals 1948 eine kulturelle Betreuung. Die Gefangenen durften eine eigene Kapelle gründen. Musikinstrumente wurden von den Russen besorgt. Geprobt wurde nur nach Feierabend. Die Noten hatte ein Gefangener Kapellmeister geschrieben. Es war eine gute Kapelle. Aus meiner Brigade war auch ein Gitarrist dabei. An meinem 22. Geburtstag kamen einige Musiker morgens an mein Bett und spielten das Geburtstagsständchen von Haydn. Ein schönes Erlebnis.

Im Lager existierte auch ein Clubraum, den die Gefangenen mit geklauten Materialien selbst gebaut hatten. Mit Bühne, langsam verlöschendem Licht im Saal. Im Lager befand sich eine Theatergruppe. Es wurden deutsche Stücke gespielt. Natürlich hatten die Russen immer die besten Plätze, sie kamen dann sogar mit ihren Frauen ins Theater. Die Rollen waren alle von Gefangenen geschrieben. Frauenrollen mussten natürlich von Männern gespielt werden.

Im Ort selbst hatten die Gefangenen aus einer Scheune, nach dem Muster des Clubraumes im Lager, ein Kino gebaut. Den ersten Film habe ich als Gefangener, weil ich am Bau mit beteiligt war, dort gesehen. Er hieß "Rigoletto" in deutscher Sprache.
Das war 1 Stunden ein Genuss. Danach kam man in die Wirklichkeit zurück.

In Jöhvi gab es eine Kirche, vermutlich eine evangelische Gemeinde. Im Turm der Kirche war wahrscheinlich schon lange keine Glocke mehr. So gingen die Gläubigen ab und zu ohne Glockenruf zum Gottesdienst. Es kamen viele Leute aus der Nachbarschaft aus der Straße, die mitten durch unsere Baustelle ging.

Es war Heiligabend 1948. Auf unserer Baustelle hatten wir eine Stahlschiene aufgehängt, auf der der Feierabend eingeläutet wurde. Das konnte auf der Baustelle jeder hören und ging zur Straße zum Zählappell. An Heiligabend hatten wir noch weitere Stahlschienen in verschiedener Länge aufgehängt, sodass ein richtiges Glockengeläut eingerichtet war. Zwar nicht abgestimmt aber trotzdem schön anzuhören.
Heiligabend, es war Feierabend. Die Stahlschienen wurden geläutet. Es klang wunderschön. Aber es dauerte nicht lange, da stand die Straße auf der wir unseren Zählappell hatten voller Menschen, Esten, die gerade in die Kirche gehen wollten. Ein solches Glockengeläut hatten sie schon lange nicht mehr gehört. Als die Russen das gesehen hatten, war unser Läuten schnell beendet. Die Leute wurden auf der Straße weiter gejagt. Wir mussten die Schienen wieder abhängen und der normale Alltag ging weiter.

Im Winter 1948/49 hatte ich den Schreibwarenhändler aus Bürbach, Erich Kaiser, kennen gelernt. Wir mussten ein Gleis durch einen Sumpf bauen, was nur im Winter, wenn alles gefroren war, möglich war. Das Gleis ging vermutlich zu einem Munitionsdepot das in einem Wald lag. Soweit durften wir das Gleis aber nicht legen. Es musste bei der Trasse die obere Humusschicht abgetragen werden, was wir machen durften. Es war sehr kalt. Die Wachtposten hatten ein leeres Benzinfass aufgestellt und mit Holz beheizt. Sie hatten uns zugestanden, dass immer einer sich die Finger aufwärmen konnte, aber abwechselnd. Unser lieber Erich hatte aber immer kalte Finger und stand meistens an der Tonne. Das hatten natürlich die Russen auch bemerkt. Immer wenn er an die Tonne kam, hagelte es Schläge. Und das ging laufend so.
Erich war dann später Heimkehrer. Ich hatte ihn gebeten meinen Eltern nach seiner Ankunft in der Heimat eine Nachricht zukommen zu lassen. Vergebens. Er hat es nicht getan. Ich hatte ihm erzählt, dass ich bei der Waffen-SS gewesen wäre und er kenne ja die Situation, dass wir noch lange in Russland bleiben sollten. Meine Mutter hatte dann durch Zufall zuhause erfahren, dass Erich Kaiser mich in der Gefangenschaft getroffen hätte und ist dann zu ihm gefahren, um sich nach mir zu erkundigen.

Im Frühjahr 1949, es war um die Osterzeit, wurde uns noch mal der Schrecken den die Russen verbreiteten klar. Hinter unserem Lager ging die Eisenbahnstrecke in Richtung Kohtla-Järve. Wir bemerkten starken LKW-Verkehr. Es wurden Benzinfässer abgeladen und Lichter aufgestellt. Plötzlich an einem Tag stand auf der Strecke ein Güterzug. Man konnte feststellen, dass es ein typischer Transportzug für Menschen war. Wir durften nicht auf die Baustelle und wurden mit Lagerarbeiten beschäftigt. Wir hätten ja an dem Zug vorbei gehen müssen.
Im Laufe des Tages kamen dann die LKWs mit Leuten beladen und allerlei Gepäck. Das Gepäck wurde auf einen Haufen geworfen und die Leute, Esten, in die Waggons verladen. Abends wurden die Lichter angemacht, so dass der Zug hell erleuchtet war. Am nächsten Tag war der Zug voll mit Menschen gepackt und fuhr los Richtung Osten. Nachts war noch viel Lärm an dem Zug. Von Esten, die nicht verladen wurden, von denen aber vielleicht Angehörige im Zug waren. Wir konnten dann am nächsten Tag sehen, dass auf der Strecke Tallinn - Narva viele dieser Züge vorbei fuhren. Man hatte also Teile der estnischen Bevölkerung in Richtung Osten verfrachtet.
Ich habe später mit einem mongolischen Wachtposten, der einigermaßen Deutsch konnte, gesprochen. Der hatte einen der Züge bis nach Leningrad begleitet. War aber in Leningrad abgelöst worden. Wohin der Zug weiter fuhr, wusste er auch nicht.

Im Lager war natürlich die Antifa stark vertreten. Sie wurde angeführt von dem Antifaleiter Franz Sommer aus Sachsen. Er hatte einige Diskussionsredner die einmal die Woche von Unterkunft zu Unterkunft gingen und politische Diskussionen hielten. Natürlich war die Richtung dieser Diskussionen vorgegeben.
Man musste dann auf dem Bett sitzen, nicht liegen. Man kann sich vorstellen wie diese Redner manchmal in die Ecke gedrängt wurden, von Leuten die erfahrener waren als diese so genannten geschulten Kräfte. Dann musste Franz Sommer eiligst zu Hilfe eilen und Rede und Antwort stehen.
Dieser Franz Sommer hatte mich dann dazu auserkoren, ich sollte nach Reval (Tallin) auf die Antifaschule, um später als Diskussionsredner auftreten zu können, auch in der Heimat. Ich habe an die Heimkehr gedacht, aber Diskussionsredner vorerst sogar in den Unterkünften der Gefangenen, nein. Es war ein Tag vor der Abreise nach Reval, ich wusste mir keinen Rat mehr. Da sagte ich zu Franz, ich war bei der Waffen-SS. Da wäre er bald in Ohnmacht gefallen. Ich wurde sofort von der Liste gestrichen. Aber im Lager war ich auch nicht mehr haltbar.
Im März 1949 wurde eine Truppe von ca. 20 Mann zusammengestellt, die aus dem Lager weg mussten. Wir wurden mit dem LKW nach Leningrad gefahren und dann in den Zug der Oktobereisenbahn in Richtung Moskau gesetzt. Wir saßen mit den 20 Leuten mit 2 Wachtposten im normalen Abteil des Zuges. Auf den beiden Plattformen des Waggons standen unsere Wachtposten. Wenn wir mal im Durchgang standen, weil wir einem russischen Zivilisten Platz gemacht hatten, kam der Wachtposten und jagte den Russen wieder hoch und wir mussten uns wieder hinsetzen. Das war für die Posten sicherer, wenn wir im Abteil saßen.
Unterwegs kam ein russischer Leutnant in den Waggon. Er kam von Berlin, erzählte uns in gebrochenem Deutsch, wie schön es in Berlin ist und hatte ein Akkordeon dabei. Ich habe dann im Waggon deutsche Soldatenlieder und Volkslieder gespielt. Die Russen fanden das sehr gut und sangen auch manche Lieder mit.
In Moskau angekommen, wussten wir, dass wir in ein so genanntes Regimelager kommen sollten. Ein Lager, in dem bestimmte Einheiten und Stabsoffiziere gesammelt wurden. In dem Untersuchungen über bestimmte Einheiten und bestimmte Leute ausgeführt werden sollten. So z.B. auch über die Waffen-SS. Aber scheinbar war in dem Lager kein Platz mehr für uns. Also wurden wir wieder zurück verfrachtet in Richtung Bologoje, Lager Nr. 395, nach Igomel, am Fluss Msta. Igomel war wieder ein Waldlager für den Holzeinschlag. Das kannte ich ja.
Wir rückten also wieder aus zum Holzeinschlag. Die Voraussetzungen waren aber nicht so hart wie in den Lagern davor. Die Norm stand nicht so im Vordergrund. Sonst war alles wie auch sonst. Morgens beizeiten Wecken, hinaus marschieren in den Wald, aber wenn Feierabend war, war Feierabend. Dann hat jeder versucht einen Langholzwagen zu erwischen, wo man sich drauf setzte und Richtung Lager gefahren ist. Da waren die nicht so kleinlich, Hauptsache man kam im Lager an, obwohl die Fahrt auf den Langholzwagen manchmal ziemlich kriminell war. Die Russenfahrer waren meistens ehemalige Panzerfahrer und so fuhren die auch mit den LKWs. Wie oft hatten die Wagen überhaupt keine Bremse, dann musste mit dem Motor gebremst werden, oder die Bremsen waren sehr mangelhaft. Die Waldwege sind ja auch gerade keine gespurten Loipen. Holperig, vom Regen ausgewaschen, oft Knüppeldämme, es ging schon holperig zu. Das Langholz wurde dann an den Fluss Msta gefahren und so gestapelt und mit Keilen befestigt, dass beim Herausschlagen der Keile das Holz ins Wasser rollte. So wurde ab und zu ein Flößtag eingelegt. Der Fluss Msta war an dieser Stelle noch ziemlich klein, weil es wahrscheinlich nicht weit zur Quelle war. Es war da eine Staustufe aus Holz gebaut, die das Wasser staute. Wenn Flößtag war wurden die Keile weg geschlagen und das Holz rollte in den Fluss, wenn wir Glück hatten. Oft rollten natürlich die Stämme kreuz und quer, sodass wir dann nachhelfen mussten. Wenn das Holz dann alle im Wasser war, wurde die Staustufe geöffnet und das Holz schwamm in Richtung Mstimski Most dort sollte angeblich ein Sägewerk sein, wo das Holz wieder aus dem Wasser gefischt und gesägt wurde. Es mussten natürlich Zivilisten am Ufer mitlaufen, weil das Holz sich doch manchmal am Ufer festsetzte und es wieder zu Staus kam. Es wurde dann von diesen Leuten wieder frei gemacht.

Im Sommer 1949 hatten wir dann ein schlimmes Erlebnis. Wir waren beim Holzstellen im Wald, bei schönem Wetter. Mittags hatten wir eine Stunde Ruhepause, was auch nicht überall vorkam. Wir kriegten zwar kein Essen, aber man konnte sich ins Gras legen, ohne dass man gejagt wurde. Zur Bewachung waren zwei Posten dabei. Einer davon ging jeden Mittag ins etwas entfernte Dorf, um etwas zu Essen für die beiden zu holen.
Plötzlich hörten wir einen Schuss, kurz darauf noch einen. Der eine, der bei uns war, stand ganz aufgeregt auf, wir natürlich auch. Kurze Zeit später noch mal zwei Schüsse und dann stand auch schon der zweite Posten aufgeregt bei uns. Wir mussten uns alle sofort hinsetzen. Dann hat er dem anderen erzählt, dass er zwei flüchtige Gefangene angeschossen hat. Einen mit Bauchschuss, da lägen die Eingeweide zwischen den Beinen. Natürlich auf Russisch, aber wir konnten doch soviel heraushören - nebenbei war auch ein Gefangener bei uns, der gut Russisch konnte.
Wir wurden gezählt und prompt fehlten zwei Mann. Ein so genannter Hilfsposten, auch ein Gefangener, wurde sofort ins Lager geschickt, um die nötigen Leute, wie Krankenschwester, Lagerführer, Arbeitseinsatzoffizier und andere zu alarmieren. Kurze Zeit später erschien unser deutscher Kommandoführer, Willi Brado aus Kirburg bei uns. Er stieg auf einen Stapel Brennholz und guckte in den Wald. Er konnte sich ja frei bewegen. Plötzlich sprang er von dem Holzstapel herunter und lief zum Wald. Er kam dann mit einem Menschen mit schwarzem Gesicht, blutbeschmiert und vor Angst schlotternd aus dem Wald. Der rief: "Halt den fest, der schießt." Er meinte den einen, der auch aufsprang und das Gewehr in Anschlag brachte. Der wurde dann von dem anderen Posten beruhigt. Dieser blutbeschmierte Mensch war der zweite Gefangene, der fehlte. Er musste sich abseits von uns hinsetzen, damit wir nicht mit ihm reden konnten. Es dauerte eine ganze Weile bis der gerufene Tross aus dem Lager eintraf. Es wurden sofort vier Leute bestimmt, zu denen ich auch gehörte, die mitgehen mussten.
Nach langem Marsch kamen wir dann bei dem Toten an. Er hatte keinen Bauchschuss sondern der Posten hatte ihn in den Nacken geschossen und zwar schräg von unten, so dass die Kugel die Stirnplatte herausgeschlagen hatte und das Gehirn lag zwischen den Beinen, weil der Tote auf dem Bauch lag. Ihm wäre auch nicht mehr zu helfen gewesen, bei sofortiger Hilfe. Wir haben dann aus zwei Stangen und Jacken eine notdürftige Trage gebaut und den Toten durch den Wald geschleppt. Die Russen hatten einen LKW am Waldrand, außerhalb der Ortschaft postiert, damit die Bevölkerung nichts sehen sollte. Auf der Fahrt ins Lager hat uns dann der verwundete Gefangene, der auch auf dem Wagen war, die Lage erzählt.
Sie hätten im Wald eine Stelle entdeckt wo Pilze gestanden hätten. Dann wären sie jeden Mittag losgezogen und hätten Pilze dort geholt. Die lagen auch verstreut, da herum. Das hätten sie heimlich getan, so dass von uns niemand was davon gewusst hat. Sie waren auch immer, wenn die Pause zu Ende war, wieder im Holzschlag. An diesem Mittag wären sie dem Posten direkt in die Arme gelaufen. Der hätte gefragt: "Kuda?", "wohin"? Da hätten sie geantwortet: "Nasad na Kommando," zurück zum Kommando. Er hat geantwortet: "Davaj," los. Dann sind sie gegangen. Nach ein paar Schritten hat es geknallt. Der hinten laufende, Roland Hafner, sei umgefallen und er hatte sofort gesehen dass er auf der Stelle tot war.
Der Russe hat dann sein Gewehr durchgeladen und dann hatte er Todesangst bekommen und sich auf den Russen gestürzt. Dieser hat ihn auf die Erde gedrückt, das Gewehr auf sein Gesicht gehalten und abgedrückt. Im Moment sei er bewusstlos geworden. Ein Auge war weg. Als er wieder wach wurde, war der Russe verschwunden. Dann hat er sich zum Kommando hingeschleppt, das andere wussten wir ja. Nach dem Vorfall wurde im Lager nicht viel davon gesprochen. Der Tote kam gar nicht mehr ins Lager. Er wurde sofort weggeschafft.
Der Verwundete kam auch nicht mehr ins Lager, man hat also von beiden nichts mehr gesehen. Als ich später in Moskau war, in dem Regimelager, wurde mir erzählt, dass man einen Gefangenen mit Kopfverband durchs Lager geführt hat.
Alle die im Lager waren, mussten in ihre Baracken verschwinden, damit keiner was fragen konnte.
Nach meiner Heimkehr habe ich den damaligen Kommandoführer Brado mal in Kirburg besucht. Er war damals sogar Bürgermeister von Kirburg. Zu meinem Erstaunen kannte er mich nicht. Er gab natürlich zu, in dem Lager gewesen zu sein. Von einem Vorfall, wie ich ihn geschildert hatte, wusste er nichts.
Solange ich ihn im Lager gekannt habe, hat er sich auch anständig seinen Mitgefangenen gegenüber verhalten. Ich war ja auch nicht lange dort. Jedenfalls kam mir sein Verhalten schon komisch vor. Man hätte ja evtl. die Angehörigen benachrichtigen können.

Im September 1949 wurde ich dann aus diesem Lager mit einigen anderen Mitgefangenen nach Moskau in das schon erwähnte Regimelager gebracht. Lager Nr. 395. Ein Lager, in dem schon, wie erwähnt, Einheiten gesammelt wurden. Wie Waffen-SS, Div. Brandenburg, Landesschützen, die russische Gefangene bewacht hatten, Stabsoffiziere, die noch ihre roten Biesen an den Hosen trugen und andere Sondereinheiten.
Beim russischen Stab vor dem Lager wurden jeden Tag Verhöre für verschiedene Leute gestartet. Es gab dann auch schon mal Karzer, der aber scheinbar nicht so schlimm war, wie die in den Waldlagern. Alle anderen mussten auf verschiedene Kommandos zur Arbeit gehen. Ich wurde in diesem Lager wieder zum Brigadier gemacht für eine Brigade, die jeden Tag aufgeteilt wurde in verschiedene Kommandos. Morgens lag beim deutschen Lagerführer, ein sehr anständiger Mensch, eine Liste aus, in der angegeben war, wie viele Leute ich irgendwohin einteilen musste. So waren vier oder fünf Mann beim russischen Stab, zwei Mann Melasse entladen und so weiter, der Rest, also die Mehrheit, ging dann auf ein großes Kommando. Einmal waren wir als Handlanger bei der Gummifabrik Krasnyj Bogatir - Roter Ritter - eingesetzt. Es waren leichte Arbeiten, wie Bretter entladen und stapeln und so weiter. In dieser Fabrik arbeiteten natürlich viele russische Frauen und viele deutsche Gefangene, die schon lange dort beschäftigt waren. Natürlich hatte fast jeder Gefangene eine russische Freundin, heimlich. Öfter fanden dort so genannte Betriebsversammlungen für die Frauen statt. Ihnen wurde dann gesagt, dass sie sich von den deutschen Gefangenen fernhalten sollten.
Bei ihrer Rückkehr in den Betrieb sprangen dann die russischen Frauen den deutschen Gefangenen um den Hals. Natürlich wurden diese Gefangenen von den Frauen auch gut versorgt. Es kam sogar vor, dass ein Gefangener längere Zeit nicht in dem Betrieb war, da kam die Frau an den Lagerzaun um sich nach ihm zu erkundigen. Sie wurde von denen natürlich sofort verhaftet.

Begehrt waren natürlich deutsche Spezialisten, wie Automechaniker, Schlosser und andere, die im Lager immer vergriffen waren.
So wurden an einem Tag einmal zwei Zimmerleute gebraucht. Es waren natürlich keine da. Da habe ich mich mit einem anderen interessierten Mann gemeldet. Man war natürlich heilfroh zwei neue Spezialisten zu haben. Wir wurden zu einem Autotrust in Moskau geschickt, wo wir ein Haus aus Holz bauen sollten, in dem Wasser erwärmt werden sollte, das im Winter morgens als Kühlwasser in die Motoren der LKWs gefüllt werden sollte. Da waren die deutschen Automechaniker morgens sehr gefragt. Da standen die russischen Autofahrer schon immer am Tor, wenn die deutschen Gefangenen kamen, zuerst einen zu erwischen. Außerdem sollten Duschkabinen für die russischen Autofahrer mit angebaut werden. Wir haben also losgelegt. Helfer hatten wir genug. Es ging auch zügig voran. Jeden Abend habe ich dem Nahalynik, also dem Chef, einen Zettel vorgelegt, auf den er die Prozente aufschrieb, die wir am Tage gearbeitet hatten. Es waren immer über 100 Prozent. Bei allen Arbeiten die über 100 Prozent waren, hatten wir Geld verdient. Wir wollten uns mal überraschen lassen. Die Arbeiten gingen zügig voran, das Haus wurde fertig.
Nun sagte der Chef zu uns, wir sollten doch mal einen Schlosser mitbringen, der die Installationen für den Kessel und die Duschanlagen bauen sollte. Unser Lagerführer sagte, der ist verrückt. Als ob noch ein Schlosser im Lager wäre, der mitgehen könnte. Der soll sich was anderes einfallen lassen. Da habe ich mir überlegt, ich hatte doch in Leningrad Heizungen gebaut und sehr viel anders konnte das doch auch nicht sein. Mit meinem Kollegen hatte ich mich abgesprochen und meldete mich am nächsten Morgen bei dem Chef als Schlosser. Er war ganz erstaunt und sagte: "Ty bolywoj specialist," du großer Spezialist. "Nu davaj," also los. Ich habe mir eine Aufstellung gemacht, was ich alles brauchte und dem Chef vorgelegt. Er hat dann die Genehmigung eingeholt, dass ich mitfahren durfte ins Magazin. Wir sind dann mit einem deutschen "Wanderer" losgefahren. Im Magazin war natürlich nur das Notwendigste vorhanden. Mischbatterien nicht dran zu denken, dafür aber Wasserhähne, Fittings und Stahlrohr in verschiedenen Größen. Wir haben mitgenommen was wir brauchten und los ging es. Am Kessel, der mittlerweile im Haus von einem Maurer feuerfest eingebaut war, wurden die erforderlichen Installationen angebracht, Zuleitung und Ableitung, so dass von außen das warme Wasser entnommen werden konnte. Dann kamen die Duschen dran. Die Mischbatterien habe ich aus normalen Wasserschiebern und Fittings zusammengebaut. Die Brausekörbe wurden in der Autoschlosserei aus normalem Blech sauber zurechtgeschnitten, Löcher rein gehauen und zusammen geschweißt. Die gesamte Anlage an die Hauptwasserleitung angeschlossen und schon konnte es losgehen. Unser Chef war begeistert von dem was wir geschafft hatten. Die Prozente lagen natürlich jeden Tag bei 120 bis 130%. Als die Anlage fertig war, hatten wir natürlich Geld verdient. Es wurde immer bis zu zwei Monate später ausbezahlt. Das Geld was über dem normalen Limit von Unterkunft, Verpflegung, kulturelle Betreuung lag, wurde ausbezahlt. So hatte ich auch einmal in der Gefangenschaft richtiges Geld verdient.

Mittlerweile gingen wir wieder auf ein anderes Kommando. Es war der 23. Oktober 1949. Das Datum kenne ich noch so genau, es war das Datum der Hochzeit meiner Eltern. Wir kamen abends von der Arbeit ins Lager. Am Tor wurde gezählt, alles stimmte. Da sagte der UvD, den wir auch im Lager hatten, ein Gehilfe des deutschen Lagerkommandanten, ein sehr netter Mensch: "Geht mal hinten in die Lagerstraße, da werden Heimkehrer verlesen." Wir waren ganz erstaunt, dass es so was im Lager gibt. Wir lehnten aber ab, da sowieso von uns niemand dabei war. Dann sagte der UvD: "Geht trotzdem mal dahin, da wird auch noch Post verteilt." Das interessierte uns schon mehr. Wir gingen also dahin und vernahmen, dass der Name Otto Solbach, Paul als Heimkehrer verlesen wurde. Die Russen nennen immer zu dem eigentlichen Namen noch den Vornamen des Vaters, um eine Verwechslung auszuschließen. Und das stimmte hier alles. Ich war ganz erstaunt, dass jetzt auch mal einer von der ehemaligen Waffen-SS dabei sein sollte, meine Mitgefangenen haben sich ebenfalls gefreut, dass es nun auch mal mit der ehemaligen Waffen-SS mit der Heimkehr losging. Es musste abends geduscht werden, mitten in der Woche, anschließend wurden neue Klamotten empfangen, es war eine richtige Heimkehrerstimmung. Wir sollten am nächsten Morgen abmarschieren zum Bahnhof, dort stand ein Heimkehrerzug bereit. Ich ging spät schlafen, weil an Schlaf kaum zu denken war. Mitten in der Nacht, es war gegen ein Uhr, kam der UvD an mein Bett und holte mich zum Tor. Ich musste zum russischen Stab mitten in der Nacht. Das bedeutete schon nichts Gutes. Da saßen sie nun. Der russische Lagerkommandant, der Arbeitseinsatzoffizier, der Politoffizier, der deutsche Lagerkommandant und eine Dolmetscherin. Ich wurde gefragt, ob ich bei der Waffen-SS gewesen wäre. Ich sagte, ja, aber das steht doch in meinen Dokumenten. Ich wurde angeschrieen, das hätte ich bei der Verlesung der Heimkehrer verschwiegen. Ich antwortete, wegen meiner Zugehörigkeit zur Waffen-SS wäre ich doch wahrscheinlich in diesem Lager und ich ging doch davon aus, dass auch Waffen-SS Angehörige einmal entlassen würden. Ich sollte nicht vergessen, was die Waffen- SS alles mit den Sowjetbürgern gemacht hätte, wurde mir erwidert. Der Dolmetscherin, man glaubt es kaum, einer älteren Jüdin, kamen dann die Tränen. Sie wurde von den Anwesenden hinaus gejagt. Der Politoffizier übernahm dann den Dolmetscher. Er sprach gut Deutsch. Der deutsche Lagerführer wurde angewiesen, einen anderen Gefangenen auszuwählen, der nicht bei der Waffen-SS gewesen wäre und ich sollte in der Nacht noch meine Klamotten abgeben und am nächsten Morgen wieder zu meinem üblichen Kommando ausrücken.
Man kann sich die langen Gesichter der anderen Gefangenen vorstellen, als ich am nächsten Morgen wieder mit meinen normalen Klamotten im Glied zur Arbeit stand.

Diese Episode war nun vorbei, da kam eines Morgens der UvD zu mir und sagte: "Höre mal, du teilst doch jeden Morgen deine Brigade ein zu welcher Arbeit die gehen sollen. Denk auch mal an dich. Du gehst immer zu dem Rest, der übrig bleibt und das ist meistens nicht das Beste. Geh doch mal mit zum russischen Stab." Das waren immer so vier oder fünf Männer. Ich ging am nächsten Morgen mit. Ich hatte nie gewusst was die dort machen. Jetzt wusste ich es. Die fünf Leute waren dazu da, um Heimkehrerzüge herzurichten. Das heißt, Feldküchen sauber machen, Abzugrohre aus Blech herstellen, Sandkästen um die Feldküchen anfertigen und Holztreppen für die Waggons herrichten. Anschließend wurden diese ganzen Sachen zum Bahnhof gebracht und eingebaut. Die Versorgungswaggons wurden weiß gekalkt und dann, wenn die Heimkehrer kamen, mussten wir wieder ins Lager. Dann wurde der nächste Heimkehrerzug hergerichtet. Außerdem wurden immer zwei Mann abgestellt, für die russische Küche, hauptsächlich zum Kartoffelschälen. In der Küche waren zwei russische Damen beschäftigt, eine davon eine Frau von einem russischen Offizier, der angeblich im Kreml beschäftigt war. Unser Chef war ein alter Leutnant. Ein sehr guter Mensch. Wenn der sah, dass zwei von uns in der Küche arbeiteten, hat er schwer krakelt. Dann sprang die Frau des Offiziers zu ihm, er durfte ein bisschen knutschen, dann kam er an den Schalter und hat uns zugewinkt, dass wir bleiben sollten. Es wurde natürlich in der Küche einiges geklaut, damit die anderen auch was davon hatten. Die Frauen wussten das, trotzdem sagten sie nichts zu uns. Es blieb ja auch im Rahmen.

So wurde es Dezember 1949. Wir haben immer Heimkehrerzüge fertig gemacht. Plötzlich tat sich im Lager irgendetwas. Parolen geisterten 4 Jahre lang durch die Lager. Aber immer war nichts dran. Aber jetzt hieß es, das Lager soll geräumt werden. Die wurden verstärkt, die Postentürme wurden wieder mit Maschinengewehren bestückt, ums Lager liefen Doppelposten. Es lag irgendwas in der Luft. Dann hieß es, es wird ein Heimkehrerzug im Lager zusammengestellt. Aber warum dann die Verstärkung? Mittlerweile hatten wir unser Geld, was wir verdient hatten, bekommen. Ich weiß nicht mehr wie viel es war aber für einen Gefangenen ein ganz schöner Batzen.
Dann kam wieder die Parole, dass eine Liste gleich kommen würde von Leuten die sofort mit ihren Habseligkeiten antreten mussten. Und so kam es auch. Die Liste wurde in den Baracken verlesen von den Leuten, die sofort packen mussten und auf die draußen vor dem Tor wartenden LKWs aufsteigen mussten. Wohin wusste niemand.
So ging das hin und her. Dann kam mal eine Liste von Heimkehrern, die mit großem Jubel begrüßt wurde, dann kam wieder eine Liste von Leuten, die sofort packen mussten und raus. Das Klima in der Baracke kann man sich da vorstellen.
Endlich kam wieder mal eine Liste von Heimkehrern. Mitten in der Liste hörte ich dann meinen Namen mit Vatersvornamen, dann war der Bann gebrochen. Das konnte ja nun keine Verwechslung mehr sein. Der Jubel war groß. Es war der 12. Dezember 1949, mein 23. Geburtstag. Was für ein Zufall. Am gleichen Abend hatte ich mir noch ein paar Stiefel gekauft, von einem Gefangenen, der als Schuster in Moskau gearbeitet hatte. Es waren schöne Stiefel, nur hatte ich sie auf der Pritsche oben anprobiert ohne darauf zu stehen und als ich am nächsten Morgen die Stiefel anzog, waren sie zu klein. Ich konnte nur barfuss darin laufen.
Am nächsten Tag wurden wieder einmal die Klamotten gewechselt. Da kam unser Leutnant ins Lager, weil wir nicht vor dem russischen Stab erschienen waren und fragte, was los sei. Wir sollten doch den Heimkehrerzug fertig machen. Ich sagte, dass wir Heimkehrer wären, er sollte sich andere Leute holen die im Lager blieben. Nachdem er aber so treuherzig gebettelt hatte, dass wir mitgehen sollten, weil wir die Arbeit doch kennen würden haben wir zugesagt, unter der Bedingung, dass er uns Klamotten besorgt, da wir ja dazu keine Zeit hätten. Wir sind dann zum Bahnhof gefahren worden und haben uns daran gemacht die Wirtschaftswagen unseres Heimkehrerzuges fertig zu machen. Gefahren wurden wir immer auf die Baustellen. Ob das in Leningrad war oder in Moskau, es kamen immer LKWs mit einer Sperrholzhaube, damit wir nicht hinausgucken konnten, und holten uns ab.
Es war klar, dass wir beim Arbeiten an den Waggons gesungen und gepfiffen hatten. Zwei alte Mütterchen, die auf den Gleisen Kohlen von den Loks sammelten, kamen an die Waggons und fragten, ob wir nach Hause führen. Wir haben das bestätigt, da haben sie ein paar Mal das Kreuz geschlagen, nach russisch orthodoxer Art. Als wir die Waggons fertig hatten, wurden wir wieder ins Lager gefahren und siehe da, unser Leutnant hatte für uns die besten Klamotten organisiert. Ich hatte eine deutsche Fliegerjacke, eine neue blaue Wattejacke, eine schwarze gefütterte Hose und eine, außen mit Pelz besetzte, Wehrmachtsmütze. Und alles passte. Ich habe da zum ersten Mal Tränen in den Augen des alten russischen Leutnants gesehen. Für ihn war die Dienstzeit ja nun auch zu Ende.
Es wurde dann das letzte Geld ausgegeben. Uns wurde gesagt, wer eine Kopeke noch im Transportzug hat, wird vom Transport ausgeschlossen. Wir wurden darauf hingewiesen, dass in Brest-Litowsk noch mal eine Kontrolle stattfinden würde. Kein Geld, kein Papier, ob beschrieben oder unbeschrieben oder bedruckt, dürfte mitgenommen werden. Was machen mit dem Geld? Ich hatte mir einen Holzkoffer besorgt. Den habe ich voll Zigaretten gepackt, weil es das Leichteste war. Von dem Restgeld wurden dann noch Brot und Margarine gekauft, das bis Deutschland reichen musste. Am 15.12. war noch mal Appell auf dem Lagerhof und dann marschierten wir vom Lager, das an der Leningrader Straße lag, in der Nähe des Dynamo Stadions, durch Moskau zum Bahnhof. Das erste Mal, dass ich zu Fuß durch Moskau gehen durfte.
Viele Moskauer haben uns zugewinkt. Wir wurden dann am Bahnhof in die bereitstehenden Waggons verladen. Ich habe mir wieder einen Platz ganz hinten im Waggon gesucht. Man darf ja nicht vergessen, dass es Winter war. Vom Winter haben wir aber nichts verspürt. Die Türen blieben offen, bei der Fahrt haben wir sie natürlich geschlossen. So ging es am 15.12. los, diesmal Richtung Westen. In Brest-Litowsk, eine Stadt an der russisch-polnischen Grenze, wurde unser Zug auf ein Nebengleis geschoben. Wir ahnten schon nichts Gutes. Nach längerem Suchen wurden fünf Heimkehrer aus dem Zug geholt und weggefahren und wurden durch fünf andere aus einem benachbarten Lager ersetzt. Die Gesamtzahl musste ja stimmen. In Brest-Litowsk endet auch die russische Spur und ab Polen läuft die europäische Spur der Gleise weiter. Wir mussten also umsteigen in einen anderen Transportzug der aus der damaligen Sowjet-Zone kam.
Mittlerweile kam ein weiterer Zug, geschmückt mit roten Fahnen und mit gut gekleideten ehemaligen Gefangenen. Sie sangen, wir sind die Beschützer der Sowjetunion. Es stellte sich heraus, dass es Schüler der Antifa-Schule in Gorki waren. Nach kurzer Zeit entbrannte natürlich zwischen den Waggons eine heftige Schlägerei. Die Russen zogen dann den Zug vor und fertigten ihn ab.
Später erfuhren wir, dass die Schüler am 21.12. eine Demonstration in Berlin machen sollten, zu Ehren des großen Genossen Stalin. Am 21.12. war nämlich sein Geburtstag. Die Schüler hatten aber die Rechnung ohne die Polen gemacht. Die hatten sich ganz schön Zeit gelassen mit der Durchfahrt.
Zwischen den Gleisen in Brest-Litowsk stand eine Baracke. In dieser Baracke wurde noch mal gefilzt. Ich traf einen Kumpel aus meiner früheren Einheit. Der sagte mir, Otto wenn du da durch bist, kannst du sagen, du bist schon zu Hause.
Wir gingen in die Baracke. Vorne eine Barriere und dann auf beiden Seiten Tische. Hinter jedem Tisch ein russischer Soldat mit weißem Kittel und einem langen Messer in der Hand. Wir mussten uns nackt ausziehen und Arme hoch. Das war wahrscheinlich noch übrig geblieben von vorherigen Transporten. Dass man hier noch nachgucken musste nach dem Blutgruppenzeichen unter dem Arm, war ja wahrscheinlich überholt. Anschließend ging es dann an einen Tisch. Der Soldat kippte alles was man hatte auf den Tisch und untersuchte es. Mit dem Messer stach er dann in die Kofferwände um zu sehen ob kein doppelter Boden vorhanden war oder er schlitzte das Futter aus der Kleidung auf, wenn er was Verdächtiges gefühlt hatte. Wenn er fertig war, nahm er den Tisch und kippte alles auf den Boden. Als ich dran kam, habe ich sofort die Wolldecke vor dem Tisch auf dem Boden ausgebreitet. Der Russe grinste. Die ganzen Zigaretten wurden ausgekippt, der Koffer wurde mit dem Messer untersucht, zum Glück hat er die Zigarettenpackungen nicht aufgeschnitten, das kam auch vor. Dann nahm er den Tisch und kippte alles auf meine Decke. Die vier Ecken gepackt und ab ging es, anziehen und in den deutschen Zug.
Nun ging es durch Polen, langsam, manchmal wurden wir auf ein Nebengleis gestellt, wo wir warten mussten. Wenn der Zug auf offener Strecke hielt, war äußerste Vorsicht geboten. Es konnte nämlich sein, dass ein Gegenzug kam. Und die Türen waren zum Nachbargleis geöffnet. Unser Transport hatte dadurch zwei Tote zu beklagen, die auf das Nebengleis gesprungen waren, ohne darauf zu achten, dass ein Gegenzug kam. Im ehemaligen Schlesien mussten wir wieder auf zwei Leute verzichten, die in ihrem ehemaligen Heimatort ausgestiegen waren und nicht rechtzeitig wieder am Zug waren. So hatte der Transport einen Verlust von 4 Mann zu verzeichnen, was die Begleitmannschaft aber wenig interessierte. In Frankfurt/Oder Ost mussten wir alle den Zug verlassen, die Waggons wurden gefilzt, wir wurden gezählt und durften dann alle wieder einsteigen. Dann ging es über die neue Grenze Frankfurt/Oder. Es war Heiligabend 1949. Morgens um 5 Uhr liefen wir auf dem Frankfurter Bahnhof ein. Das Hallo, kann man sich gar nicht vorstellen. Alle sprangen aus dem Zug und drückten die auf dem Bahnsteig anwesenden Bahnbeamtinnen.
Dann kam der Ruf, alles wieder einsteigen, der Zug wird zur Hornkaserne zurück gesetzt. Der Zug rollte dann rückwärts in Richtung Hornkaserne. Die Hornkaserne war die russische Stelle, wo Entlassungs-Papiere ausgestellt wurden. Dann kam der Befehl, der Transport muss bis 2. Weihnachten in der Hornkaserne bleiben. In Gronenfelde, wo das deutsche Entlassungslager war, waren noch die Antifa-Schüler aus dem Transportzug vor uns, man wünschte kein Zusammentreffen mit uns. Hatten die Schüler doch nicht am 21.12. in Berlin demonstriert.
Es war natürlich ein Schlag für die, die in der Nähe von Frankfurt/Oder zu Hause waren. Die mussten ja auch in der Hornkaserne bleiben. Für uns war das nicht so wichtig. Wir konnten noch am Tage nach Hause telegrafieren. Da war natürlich ein furchtbares Gedränge. Ich habe dann abends noch telegrafiert.
Heiligabend lagen wir auf unseren Pritschen. Da stand einer auf und fragte, ob nicht ein Theologe unter uns wäre, der die Geburtsgeschichte Jesu aus dem Evangelium ungefähr aufsagen könne. Er hatte kein Glück damit. Endlich fanden sich zwei Lehrer, die versuchten die Geschichte so aufzusagen, wie sie das im Gedächtnis hatten.

Wir bekamen am 2. Feiertag unsere Entlassungspapiere und marschierten nach Gronenfelde ins deutsche Entlassungslager. Unterwegs kamen Kinder die unser Gepäck tragen wollten, um irgendetwas zu erhalten. Das hat mich schon ein bisschen erstaunt.
In Gronenfelde wurden wir nach Zonen in bestimmte Baracken eingewiesen. Meine Heimat lag damals in der französischen Zone. Dann kamen Rotkreuz-Schwestern in die Baracke und klärten uns auf, dass wir von den Amis bei unserer Heimkehr nach Orten gefragt würden, wo wir in Russland gearbeitet hätten. Wir sollten nichts sagen. Denn die Amis würden uns sonst lange festhalten und wir wollten doch nach Hause. Dann bekamen wir 50,- Ostmark ausgehändigt, die wir aber sofort ausgeben mussten. Es gab dafür entweder ein Kochgeschirr voll Bier, oder ein paar Bonbons oder sonst noch Kram. Ich habe mir Bonbons geholt. Dann wurden die Tische in der Mitte der Baracke voll Brot gepackt. Uns wurde gesagt, wir sollten das als Marschverpflegung mitnehmen, nämlich im Westen hätten wir es nötig. Ich habe mir dann einiges an Brot eingepackt, dann ging es zu dem Zug, der in die französische Zone fuhr. Ich habe dann Unterwegs bemerkt wofür das viele Brot war. Auf jedem Bahnhof im Osten wo der Zug hielt, kamen Kinder an den Zug und bettelten Brot. Um die Ecke standen die Mütter und warteten auf die Kleinen mit dem Brot. Da haben wir zum ersten Mal die Armut gesehen, die im Osten herrschte. Da war ich mein Brot bald los.
Wir fuhren über Eisenach in die Westzone nach Bebra. Dort wurden wir von der Westdeutschen Delegation empfangen. Wir bekamen dort 18,- Deutsche Mark. Da haben wir gedacht, die sind doch hier noch ärmer dran wie im Osten. Wir haben dann gesehen, was man für 18,- DM alles kaufen konnte. Da war im Osten gar nicht daran zu denken.
Der Zug in die französische Zone musste über Tuttlingen, weil dort der Franzose saß. Die endgültigen Entlassungspapiere wurden von dem Franzosen ausgestellt. Die Amerikaner haben uns aber noch schnell über Ulm geschickt. Dort wurden wir in einem Hotel untergebracht und am nächsten Morgen ging es dann in eine im Hof stehende Baracke. Dort wurden wir von den Amis begrüßt, dann wurde uns gesagt, wir sollten uns mal umgucken, ob eine Rechnung noch offen wäre. Es gab ja in den Lagern viele Lagerschweine, vor allem Antifa, die für die Russen gegen den Landser gearbeitet hatten. Es tat sich aber nichts. Dann wurden wir angesprochen, wenn wir gewillt wären, könnten wir ihnen sagen wo wir in Russland gearbeitet hätten. Es wäre nicht so, wie uns in der Ostzone gesagt worden wäre, dass man diejenigen die bereit wären Auskunft zu erteilen, festhalten würde. Wir würden schnellstens zu unseren Angehörigen kommen und man würde dann einen Termin vereinbaren, der uns genehm wäre. Es haben sich dann einige gemeldet, die angaben wo sie gearbeitet hatten. Da waren für die Amis interessante Fabriken dabei. Die später zu einem Gespräch eingeladen wurden, wurden von den Amis gut bezahlt.
Von Ulm ging es dann nach Tuttlingen, wo wir unsere endgültigen Entlassungspapiere erhielten.
Dann ging es mit dem D-Zug über Köln in Richtung Heimat, wo ich am 31.12.1949, mittags gegen 11.30 Uhr eintraf. Die Freude war riesig, die Mutter nach sechseinhalb Jahren wieder in die Arme schließen zu können. Sie hatte mir in diesen Jahren sehr gefehlt.

Ich habe alles das erzählt, was mir nach sechzig Jahren eingefallen ist. Aber es war ein Bruchteil von dem, was man in 4 Jahren erlebt hat.


© Otto Solbach




Erlebnisbericht 1:
"Gegenstoß in Kurland"
Erlebnisbericht 2:
"16. Februar 1945"
Erlebnisbericht 3:
"Kartoffelbunker"
Erlebnisbericht 4:
"Panzerdurchbruch"
Erlebnisbericht 5:
"Mein letzter Einsatz in Kurland"
Erlebnisbericht 6:
"Erlebnisse eines estnischen Luftwaffenhelfers"
Erlebnisbericht 7:
"Als Luftwaffenhelfer im Kurland-Kessel"
Erlebnisbericht 8:
"Beginn der Gefangenschaft in Kurland"
Erlebnisbericht 9:
"Persönliche Erinnerungen von Friedrich Horstmann"
Erlebnisbericht 10:
"Zug- und Kompanieführer im Kurland-Kessel"
Erlebnisbericht 11:
"Militärische Stationen von Günter Schlagmann - 126. Inf.- Div."
Erlebnisbericht 12:
"Gefangenschaft im Schoß von Väterchen Russland"
Erlebnisbericht 13:
"Stafversetzung nach Kurland"
Erlebnisbericht 14:
"Einsatz in der Nahkampfdiele"
Erlebnisbericht 15:
"Harald Kägebein schreibt über seinen vermissten Onkel"
Erlebnisbericht 16:
"Wilhelm Hopp beschreibt die ersten Tage in Gefangenschaft"
Erlebnisbericht 17:
"In russischer Kriegsgefangenschaft, von Otto Solbach"
Erlebnisbericht 18:
"Alfons Wohlgemuth über einen Gegenstoß bei Preekuln"


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