Gefangenschaft
- Im Schoß von Väterchen Russland -


Kurzbiographie:
Wilfried Ohrts

1940 - Einberufung zum Luftwaffen Bau Bataillon 10/See, Lubartow/ Polen
Ab September 1940 bis November 1943 - bei der Luftwaffen Kriegsberichter-Kompanie 8. LwKBK(mot)8
1940 - Frankreich, Operation Seelöwe, Flugeinsätze. Balkanfeldzug,
1941 - Unternehmen Barbarossa beim Stuka Geschwader 2 Immelman, Flugeinsätze
1942 - Fall Blau bei der 8. Batt. Flak Abteilung 2/99 ( Batt. wurde als Sturmgeschütz eingesetzt), westlich vor Stalingrad verwundet, Lazarettaufenthalt.
Bis März 1943 - Markajewa/Stalino, Wortberichter. Unter anderem Versorgungsflüge nach Stalingrad. Ausgrabungen auf der Krim
Ab April 1943 - Charkow beim VIII Fliegerkorps. Flugeinsätze beim Unternehmen Zitadelle.
Ab August 1943 - Kriegsberichterzug 25 ( KBZ 25), bei der 1. Gruppe Transport Geschwader 5 inWarschau, Einsätze als Bordschütze, Filmaufnahmen bei Blohm und Voss, BV238V1.
Juni 1944 - Versetzt zur Kriegsberichts-Abteilung Süd Ost in Pancevo. Zusammenbruch auf dem Balkan.
Oktober 1944 - Versetzung zu den Fallschirmjägern nach Celle (15. Fallschirm LG. EuARgt.3)
November 1944 - Versetzung zum Heer, nach Fallingbostel/Sennelager PzGrenErsBtl.73.
Ab Februar 1945 - Gruppen und Zugführer bei der 3./Panzer Aufklärungs-Abteilung 14 (14.PzDiv)
Diese Einheit stellte ab Februar mit der PzAA12 den Kern der Panzer-Brigade Kurland.

Mit den Resten dieser Einheit am 9. Mai in der Nähe von Frauenburg in Gefangenschaft gegangen.

Diese Berichte wurden von Wilfried Ohrts, kurz nach seiner Entlassung aus Russischer Kriegsgefangenschaft aufgeschrieben. In der Art und Weise der Wortwahl erkennt man noch die alte Schule der Wehrmachtspropaganda, welcher er 5 Jahre gedient hat.

Stammt aus seiner Krankenakte
Stammt aus seinem Tagebuch
Zusatzinformationen aus anderen Quellen. Kommentare in Kursiv

1945 - 49

8. Mai Gefangennahme durch die Russen.


Nach Osten

Das, worauf wir lange gehofft hatten, war eingetreten. Der Krieg war zu Ende. Aber was war das für ein Ende? Unsere Heimat zerstört und von den Feinden besetzt. Wir hier in Kurland hatten keine Möglichkeit irgendwohin auszuweichen oder die Heimat zu erreichen. Uns blieb nur die Gefangenschaft. Nun begann die größte Tragödie des 20. Jahrhunderts. Noch große Worte aus der Vergangenheit in der Erinnerung, und die Heimat und die Lieben im Herzen, das war alles was wir noch besaßen, sonst war alles in uns zerstört.
Ex oriente Lux, aus dem Osten kommt das Licht. Ja hier geht jeden Morgen die Sonne auf und wir zogen ihr entgegen. Was war das für ein Zug? Es waren Kolonnen des Elends und des Todes, der Not und des Hungers. Wir alle hatten den Krieg überstanden, ob wir aber dieses, das nun vor uns lag, überstehen würden, das konnte nur ein Gott im Himmel wissen. So zogen wir weiter nach Osten - die endlose Straße. Ob sie mal ein Ende hat? Viele blieben am Wege, sie erlebten die Freiheit nicht mehr. Vorbei ging es an früheren Kampfstätten aus großer Zeit, an Soldatenfriedhöfen, die keine mehr waren. Der Hass hatte hier keine Grenzen, man hatte diese letzten Ruhestätten unserer Brüder umgepflügt und die Kreuze zerschlagen. Es gibt heute hinter der Oder-Neiße Linie kein deutsches Soldatengrab mehr. Der Bolschewismus wollte nicht nur die Lebenden vernichten, er zerstörte auch das Andenken an die Toten. Und der Marsch ging weiter nach Osten in die Sklaverei. Ausgeplündert und ausgemergelte Menschen ohne Seele, sie wurden zu Maschinen oder Robotern der Arbeit für Jahre. Viele starben am Elend oder am Seelenleid mit einem Glauben im Herzen. Deutschland wird leben auch wenn wir sterben müssen - und so marschierten sie weiter auf der endlosen Straße im Osten.
Und wir, die wir leben durften, wir haben eine Pflicht, wir dürfen sie nicht vergessen, nicht die Toten und erst recht nicht diejenigen, die heute noch dort in der Sklaverei darben.

Mai - Juli Gefangenenlager in Kurland, Litauen und Lettland.

Zu Hause in Hamburg / Sülfeld wusste keiner ob Wilfried noch am Leben war, also startete man die Suche über den DRK Suchdienst.





Suchkarte des DRK Suchdienstes

Juli - September Wolchow Moorlager ( Todeslager Tskegrajewo ??? )
Wahrscheinlich handelt es sich hier um das Lager Terentjewo, die Sterblichkeit in diesem Lagerkomplex war sehr hoch, sie lag jenseits der 80 %. Genau weiß das keiner. Diese Lager wurden dann auch schnell aufgelöst, die Sowjets brauchten Arbeitskräfte und keine Toten, es waren keine Vernichtungslager, eher war es so, dass die Sowjetische Bevölkerung dieser Gegend auch nicht mehr zum Leben hatte. Auch war man auf diese Massen an Gefangenen nur sehr schlecht vorbereitet.


Am Wolchow

Der Wolchow ist eines der größten Moorgebiete Russlands und erstreckt sich rings um Leningrad. Jeder Landser der bei der Einkesselung Leningrads dabei war, wird sich dieser Mondlandschaft mit Grauen erinnern. Wir kamen als Kriegsgefangene in dieses Gebiet zum Torf stechen. Es waren hier 4000 Kriegsgefangene unter den denkbar schlechtesten Bedingungen untergebracht. Hier gab es keine Unterkünfte. Zwei alte Baracken aus der Kriegszeit dienten nur der Lagerverwaltung und dem Revier, alle anderen hausten in Zelten. Und dann die ewige Nässe, die bis in die Zelte drang. Die Krankenziffer stieg von Tag zu Tag. Die Verpflegung war derart primitiv, dass schon nach kurzer Zeit viele Kameraden vor Entkräftung und an Unterkühlung starben. Dieses war der Anfang der Gefangenschaft, wie sollte es erst werden, wenn wir hier erst Jahre bleiben mussten? Aber dieses war ja alles vorgesehen von der russischen Führung, man wollte die Deutschen vernichten und das hat man hier am Wolchow restlos geschafft. Dieses Lager hatte einen Menschenverlust von mindestens 60%. Hier lag nicht nur die Schuld bei den Russen alleine, nein auch die deutsche Lagerführung hatte zum großen Teil dazu beigetragen. Erst im Dezember 1947 wurde dieses Todeslager aufgelöst. Die Überlebenden wurden auf die Lager der Stadt Leningrad verteilt, so erfuhren wir, die als Kranke schon im Herbst 1945 nach Leningrad gekommen waren, noch manches Schicksal von verstorbenen oder auf der Flucht umgekommenen Kameraden. Hier ruhen sie nun am Wolchow, die toten Kameraden, kein Kreuz oder Gedenkstein hat man ihnen gesetzt. Längst ist dort alles überwachsen von krüppeligen Birken, Disteln und Brenneseln, die kaum einer Blume Raum lassen zum Wachsen. Hier wird kein Vogel singen nur der immer kühle Wind und im Winter die eisige Kälte streicht über dieses Gebiet. Ab und zu hört man das Rufen der Wildgänse die nach Westen ziehen und dieses Gebiet meiden, als wüssten sie was hier für Unrecht geschah.


Eine Typische Straße am Wolchow


Ein Zeitungsartikel aus der Zeit nach 1945, in dem das Ausbleiben der Kriegsgefangenen Post erklärt wird.

September - Dezember Kriegsgefangenen-Lazarett Leningrad.



Dezember 1945 bis April 1947 Kriegsgefangenenlager Leningrad
( RK-Postkasten 339/8, Peterhof-Kolpino, 339/26 = Lager 7726 Leningrad )


Weihnachten 1945 im Lager 339/8 Peterhof-Kolpino

Über ein halbes Jahr hatten wir nun in der Gefangenschaft hinter uns gebracht. Bei vielen waren es schon Jahre und was hatten wir schon alles erlebt an Not und Elend. Nun stand Weihnachten vor der Tür, eines der schönsten Feste, das wir Deutschen kennen. Der Winter war schon früh über uns hereingebrochen, seit Ende September hatten wir Schnee und nun hatten wir die richtige Kälte: - 30° C unter Null. Aber immer wurde noch gearbeitet. Was hatte man uns alles versprochen an besserer Kleidung, Verpflegung und Unterkunft. Gehalten wurde nichts. Und jetzt sollte Weihnachten sein. Wir lagen in großen Fabrikhallen zu 400 bis 500 Mann. Die Fenster waren teilweise mit Brettern vernagelt und mit Lumpen verstopft gegen Kälte und Schnee. Die Wasserleitungen waren seit Tagen zugefroren, gewaschen wurde sich im Schnee und das Ungeziefer fühlte sich wohl bei uns. Es sollte noch Monate dauern ehe diese Zustände besser wurden. Heute war nun Heiligabend, wir kamen von der Arbeit und freuten uns auf das bisschen Brot und die Warme Suppe. Aber es kam anders. Am Tor zum Lager wurden wir erst mal gefilzt, viele hatten sich Tannenzweige mitgebracht oder auch ein kleines Bäumchen. Diese Sachen wurden uns weggenommen. Weihnachten für uns deutsche Kriegsgefangene war von Moskau aus verboten worden, es durfte nichts gemacht werden. Zu dieser Botschaft kam dann noch eine. Für drei Tage gab es kein Brot, nur dreimal Suppe. Diese Suppe bestand aus erfrorenen und verfaulten Kartoffeln mit etwas Kleie. Diesen Fraß hatten wir schon seit Wochen. Wie viele waren erkrankt und wie viele an Entkräftung gestorben. Was war hier noch von Menschlichkeit geblieben. Es gab internationale Gesetze für Kriegsgefangene, aber für Russland hatten diese Bestimmungen keine Gültigkeit. Wir hatten die Hoffnung aufgegeben, wer sollte uns auch helfen. Unsere Gedanken gingen in die Heimat, wie mochte es dort, heute am Heiligen Abend, sein? Die Not mochte auch dort groß sein, aber sie waren freie Menschen. Und wir lagen hier auf unseren Pritschen, hungernd und frierend allein. Es war finstere Nacht, das Licht hatten die Russen abgeschaltet. An einigen Stellen in der Halle sah man zwischen den Betten Talglichter ( aus Fett und Talg selbst hergestellte Kerzen) brennen und davor hockten ein paar müde Menschen. Sie hingen ihren Gedanken nach. Die Jugendzeit zog vorüber ohne Zwischenfälle, da hatten wir Kinder noch keine Sorgen, wir waren ja von den Eltern gehütet worden. Was waren das für glückliche Jahre gewesen. Jetzt hatten wir den Krieg erlebt mit all seinen Schrecken und seiner Not. Der Krieg war vorbei und sollte Frieden sein unter den Menschen, aber wo war der Friede auf Erden?
So Wie unsere Gedanken in die Heimat gingen, so dachten die Lieben zu Hause auch an uns. Sie mochten wohl geahnt haben in welch großer Not wir waren und manche Träne ist an diesem Tage gefallen. Die Heilige Nacht ging weiter, hier und da brannte noch ein Licht - und dann war es auf einmal da. Wo es herkam, wir wussten es nicht.
Ganz leise aus einer Ecke der Halle klang es: "... Stille Nacht Heilige Nacht ..." und es wurde immer lauter. Es sangen wohl alle mit. Es war wie ein Aufschrei gequälter Seelen..... Herr mach uns frei!
Hier und da hörte man weinen und keiner brauchte sich dieser Tränen zu schämen. Es war Weihnacht, dunkle Weihnacht... in einem fremden Land. Wer diese erlebt hat, der kann es nicht vergessen, sooft dieses Fest wiederkehrt.




Wilfrieds erste Karte aus der Gefangenschaft

Peterhof ist ein Vorort von Leningrad in dem die alten Zarenpaläste stehen. Bei der Blockade der Stadt durch deutsche Truppen stark zerstört, wurde es dann durch deutsche Kriegsgefangene wieder aufgebaut.

339/26 = Lager 7726 Leningrad, Oktober 1946 - Juni 1947

Bei diesem Lager handelte es sich allem Anschein nach um ein Arbeitslager des NKWD ( später KGB) in der Stadt selber, in dem Wilfried als Schweißer gearbeitet hat.





Flucht nach Westen

Ich erzähle hier die Geschichte von Uffz. Ackermann aus Bremen. Ackermann war Ende 1945 zu uns ins Lager gekommen. Als Norddeutsche hatten wir uns angefreundet. So erfuhr ich seine bisherigen Erlebnisse während des Krieges und aus der Gefangenschaft. Uffz. Ackermann war nicht das erste Mal in russischer Gefangenschaft. Als Angehöriger einer norddeutschen Infanterie-Division war er im Januar 1943 in Stalingrad in Gefangenschaft geraten. Unser Ackermann wollte nicht in die Sklaverei, denn Not, Elend und den Tod vieler Kameraden hatte er in den Wochen der Einkesselung von Stalingrad erlebt. So setzte er sich eines Abends, bei einer Rastpause der Gefangenen in der Steppe, nach Westen ab. Es war Winter und eisige Kälte, für ihn gab es nur das eine, entweder Tod oder die Freiheit. Nach mühevollen Märschen, Hunger und Erfrierungen an Händen und Füßen, erreichte er nach vier Wochen die deutschen Linien. Der Krieg war für Uffz. Ackermann für längere Zeit in weite Ferne gerückt. Aber eines Tages holte man ihn wieder. Die Invasion hatte im Westen begonnen und so landete Uffz. Ackermann im Westen, machte die ganzen Kämpfe bis zum bitteren Ende mit und landete zu guter letzt in Amerikanischer Gefangenschaft. Trotz aller völkerrechtlichen Bestimmungen, lieferte der Amerikaner 50.000 deutsche Gefangene an die Russen aus, und so war Uffz. Ackermann hier bei uns im Bezirk Leningrad gelandet. Dieses Lager war ein NKWD-Lager und man hatte Uffz. Ackermann aus gutem Grund hierher gebracht, weil er schon zwei Fluchtversuche hinter sich hatte. Er war einmal bis Königsberg gekommen und das zweite mal bis Frankfurt / Oder. Hier war er durch deutsche Antifaschisten wieder an die Russen ausgeliefert worden. Trotz Schläge und Hunger, die hatte er durchmachen müssen, versicherte er mir, er würde es wieder wagen - und er hat es gewagt.
Wir waren seit einiger Zeit auf dem Güterbahnhof damit beschäftigt Waggons zu entladen die aus Finnland kamen. Eines Morgens wurde unserem Arbeitskommando Uffz. Ackermann zugeteilt. Der Postenführer hatte Anweisung auf diesen Gefangenen besonders zu achten. Wir hatten bis zum Mittag zusammen gearbeitet, als ich merkte, dass mein Kamerad Ackermann verschwunden war. Man hatte nichts gemerkt. Ich wünschte ihm alles Gute und Erfolg. Erst abends, wie wir ins Lager sollten, wurde gezählt und einer fehlte. Jetzt begann ein Theater, der Postenführer war leichenblass. Er versicherte uns, man würde diesmal den Ausreißer, wenn man ihn wieder eingefangen hätte, erschießen. Uns machte das nur ein Grinsen aus. Man hat Uffz. Ackermann diesmal nicht bekommen. Ja, seine Flucht war wohl gelungen oder er war in den weiten Gebieten Russlands umgekommen.
Erst nach meiner Heimkehr erfuhr ich durch Kameraden, dass Uffz. Ackermann nach langen Strapazen die Heimat erreicht hatte. Und zwar war er auf dem Güterbahnhof auf einen fahrenden Güterzug Richtung Finnland gesprungen. Dieser Zug hatte ihn bis weit nach Finnland hinein gebracht, trotz vieler Kontrollen. Von dort war er durch die Hilfe der Finnen nach Schweden weiter gebracht worden. In Schweden waren es auch hilfreiche Menschen gewesen die ihm die Flucht nach dem Westen ermöglichten. Ja unserem Uffz. Ackermann war die Flucht nach Westen in die Freiheit geglückt. Dieses haben viele andere Kameraden auf allen möglichen Wegen versucht, geglückt ist es nur wenigen, viele sind durch Entkräftung und Hunger umgekommen oder der Russe hat sie erschossen. Auf den Kopf eines entflohenen Kriegsgefangenen war eine Kopfprämie von 1000 Rubel ausgesetzt worden - ob tot oder lebendig.

April 1947 bis April 1949 div. Straflager in Karelien
(Lager7746 Straflager Siastroi Oblasst (Verwaltungsgebiet) Leningrad, Lager 7213/3 Papierkombinat Kolpino-Potporoschje-Sagubil-Swirstroj )
Swirstroj, sowjet. Stadt in der NW-Region, Standort der Uprawlenije 7-213, 1945 gegründet. Die Lebensbedingungen in den Gefangenenlagern von S. waren anfangs sehr schlecht, die Todesfälle häuften sich. Allein im Lager 7213/3 starben bis Sept. 1947 von ca. 2,000 Mann 1,225. Quelle Wikipedia.





Lager 7746 Straflager Siastroi, Oblasst Leningrad

Im Lager 7746 ist Wilfried bis März 1948 geblieben, dann wurde er in das berüchtigte Lager 7213/3, ins Papierkombinat Potporoschje-Sagubil am Eismeerkanal verlegt.
Zwischenzeitlich wurde er zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. In diesem Lager blieb er bis Februar 1949.





Lager 7213/3 Papierkombinat Kolpino-Potporoschje-Sagubil-Swirstroj


Petrow, ein Russe

Wir lernten Petrow im Papierkombinat kennen. Unsere Brigade arbeitete am Fluss beim Bergen der Flösse, die da den Sommer über sehr zahlreich ankamen und dort arbeitete auch Petrow mit anderen Russen zusammen. Es waren größtenteils Zwangsarbeiter. Petrow war der einzige, der Deutsch sprach. Wir kamen oft zusammen, wir, um Russisch zu lernen, er, um seine Deutschkenntnisse zu verbessern. So erfuhren wir auch von seinem Schicksal. Er war im Kaukasus beheimatet, unweit des Elbrus, in Kisslowobz wohnte seine Familie. Er war mit einer Ukrainerin verheiratet und hatte drei Kinder. Nach dem 1. Weltkrieg und den Wirren der Revolution war Petrow als junger Industriearbeiter in den Kaukasus gekommen. Er hatte dort eine neue und schöne Heimat gefunden. Dann kam der 2. Weltkrieg, seine Heimat wurde von den deutschen Truppen besetzt und Petrow kam nach Deutschland als Ostarbeiter. Nach der Kapitulation kam Petrow nach Russland zurück, aber nicht in seine Heimat, sondern vor ein Gericht. Petrow wurde wegen Zusammenarbeit mit den Deutschen zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt. In diesem Strafgebiet musste er seine fünf Jahre verbüßen. Sechs Jahre hatte er seine Familie nicht gesehen und verbrochen hatte er auch nichts, nur gearbeitet. Wir fühlten mit ihm, denn uns ging es ja nicht viel anders. Petrow war eine Seele von Mensch, immer wieder kam er zu uns, wir waren seine Freunde, wie er uns versicherte. Er hatte es in Deutschland gut gehabt und oftmals gab er uns eine Zigarette oder ein Stück Brot. Denn auch Petrow fühlte mit unserem schweren Schicksal. Als wir ihm dann erzählten, dass auch wir seine Heimat kannten, denn wir hatten dort als Soldaten gelegen. Da kam er noch öfter wenn wir Mittag hatten und wir mussten ihm erzählen.
Es war an einem Sonnabend, wir kamen wie immer morgens in die Fabrik, da stand Petrow schon am Tor, um uns abzuholen. Sein Gesicht strahlte, er musste uns was ganz besonderes erzählen. Petrow hatte wegen guter Arbeitsleistung Urlaub bekommen und nun konnte er zu seiner Familie fahren. Wir freuten uns mit ihm. Nun Petrow hatte noch etwas auf dem Herzen, er wollte ein Soldatenbild von uns haben um es seinen Bekannten in der Heimat zu zeigen, er sagte in seinem gebrochenen Deutsch: "Ich fragen ob ihr gute Kamerad und Soldat gewesen. Vier Wochen dauerte seine Reise mit Urlaub und diese Zeit verging schnell. Eines Tages war unser Petrow wieder da. Er strahlte wie immer über das ganze Gesicht, er hatte uns schon am Tor erwartet. Unter dem Arm trug er ein Paket, das er uns freundlichst überreichte. Petrow hatte unsere Fotos in der Heimat gezeigt, und wir mussten nun feststellen, dass wir bei seiner Familie im Quartier gewesen waren. Er sagte zu uns, Ihr gute Kamerad gewesen ihr immer Brot und Essen für Frau und Kinder gegeben und dieses Paket ist für euch. Was staunten wir was er uns mitgebracht hatte, Brot, Speck und Tabak. Es war Petrows und seiner Familie Dank an uns Kriegsgefangenen.


Es kam keine Post mehr, also wurde das SRK eingeschaltet






Aufnahmen aus einem Gefangenenlager im Oblasst Leningrad

April bis Juni 1949 Eismeer Kanal ( Lager 7703 Kolpino Swirstroj, schon im März )




22.Juli 1949 Entlassung in Leningrad

Der letzte Eintrag ins Tagebuch, nachträglich 1952 in der Heimat verfasst.


Heimkehr

Lang war die Zeit, groß war die Not und die Heimat war weit.
Dieses waren unsere Gedanken, als wir im Sommer 1949 verladen wurden. Über 1000 Kameraden sollten nun die Heimat wieder sehen. Vor Jahren, oder waren es nur Wochen oder Monate gewesen, da waren wir hier rauf gefahren, in verschlossenen Waggons mit Stacheldraht vernagelt, zu neunzig oder gar einhundert Mann in einem Waggon, kaum das Notwendigste zum Leben. Wie viele hatten schon danach ihr Leben lassen müssen?
Nun standen wir wieder auf dem Bahnhof, zur Heimfahrt bereit. Es war alles anders als damals. Und doch konnte keine rechte Freude aufkommen. Die ganzen Bilder der Vergangenheit zogen an uns vorüber und es war uns, als wenn es erst gestern gewesen wäre. So mancher guter Kamerad war nicht mehr unter uns und dann die anderen Kameraden die zurückbleiben mussten. Wir sehen noch ihre Augen, ihre Hände und hören ihre letzten Worte: "Kameraden, vergesst uns nicht und grüßt die Heimat, wir halten aus."
Immer wieder kam die Frage, warum mussten sie noch bleiben? Waren sie schlechter als wir? Nein, auch sie hatten nur ihre Pflicht getan. Gab es noch eine Gerechtigkeit?
All das beschäftigte uns auf der Fahrt in die Heimat. Bei uns allen tauchte die Frage auf, wie wird es wohl zu Hause aussehen? Was werden die Lieben machen? Wie viele fuhren einer neuen Heimat entgegen und mussten ihr Leben von Neuem Anfangen. So kamen wir nach tagelanger Fahrt dem Ziel näher. Frankfurt/Oder, die letzte Station für die, die nach dem Westen wollten. Einstmals eine schöne Stadt, heute nur noch ein Trümmerhaufen und ein Teil gehört zu Polen. Hier wurden wir noch mit Parolen und Propaganda gefüttert, aber es fand bei uns keine Aufnahme, unsere Gedanken waren schon weiter. Dann kam die Grenze zur Westzone und unsere angekündigte Freiheit. Welch ein Unterschied zwischen den Menschen der Ostzone und den des Westens. Dort die vom Schicksal geschlagenen und verhärmten Gesichter und hier Aufgeschlossenheit und Freude - aber auch Leid. Auch hier standen Menschen, Männer und Frauen, sie waren da, wenn ein neuer Transport einlief. In den Händen hatten sie Fotografien von ihren vermissten Männern oder Söhnen. Es waren immer dieselben Fragen: Kennt ihr ihn? Habt ihr ihn in Russland gesehen? Auch hier war noch immer die Not, man sah es diesen Menschen an, auch sie waren gezeichnet, genau wie wir.
Und nun kam die letzte Station - Hamburg. Unsere liebe Stadt. Was hatte doch der Krieg dieser Stadt für Wunden geschlagen und wieviel Leid war auch hier in die Familien eingezogen. Aber hier war auch schon wieder Leben und Aufbau zu spüren. Es war spät abends, als unser Zug in den Hauptbahnhof einfuhr. Ob wohl unsere Lieben hier standen? Wir waren ja nicht viele, die mit diesem Transport kamen. Aber es waren eine Menge Leute hier, nun hatten wir Heimaterde unter den Füßen. Und dort fanden wir auch unsere Lieben, welch ein Glück und welch eine Freude. Wir waren wieder vereint. Und dann kamen Frauen und auch Männer und zeigten Bilder von ihren Lieben, kennen sie den? Oder haben sie ihn getroffen? Es ist unser einziger Sohn. Wir kannten sie nicht und doch fühlten wir mit diesen Menschen. Sie waren einsam und hofften doch noch immer, vielleicht noch heute - und gerade dieser eine ist auf der endlosen Straße nach Osten verschollen.
Verschollen - doch nicht vergessen.
Und die, die dort noch leben? Kameraden wisst ihr noch wie wir gingen und das Tor hinter uns zuschlug? Ihren Ruf: "Vergesst uns nicht! Grüßt die Heimat und unsere Lieben wir halten aus!"
Nein - sie dürfen nicht vergessen sein, sie gehören zu uns, sie sind unsere Brüder.
Januar 1952


Das Telegramm, das seine Ankunft in Hamburg ankündigt

31. Juli 1949 Entlassung aus der Gefangenschaft in Friedland/Göttingen.


Heimkehrer-Denkmal in Friedland





Erlebnisbericht 1:
"Gegenstoß in Kurland"
Erlebnisbericht 2:
"16. Februar 1945"
Erlebnisbericht 3:
"Kartoffelbunker"
Erlebnisbericht 4:
"Panzerdurchbruch"
Erlebnisbericht 5:
"Mein letzter Einsatz in Kurland"
Erlebnisbericht 6:
"Erlebnisse eines estnischen Luftwaffenhelfers"
Erlebnisbericht 7:
"Als Luftwaffenhelfer im Kurland-Kessel"
Erlebnisbericht 8:
"Beginn der Gefangenschaft in Kurland"
Erlebnisbericht 9:
"Persönliche Erinnerungen von Friedrich Horstmann"
Erlebnisbericht 10:
"Zug- und Kompanieführer im Kurland-Kessel"
Erlebnisbericht 11:
"Militärische Stationen von Günter Schlagmann - 126. Inf.- Div."
Erlebnisbericht 12:
"Gefangenschaft im Schoß von Väterchen Russland"
Erlebnisbericht 13:
"Stafversetzung nach Kurland"
Erlebnisbericht 14:
"Einsatz in der Nahkampfdiele"
Erlebnisbericht 15:
"Harald Kägebein schreibt über seinen vermissten Onkel"
Erlebnisbericht 16:
"Wilhelm Hopp beschreibt die ersten Tage in Gefangenschaft"
Erlebnisbericht 17:
"In russischer Kriegsgefangenschaft, von Otto Solbach"
Erlebnisbericht 18:
"Alfons Wohlgemuth über einen Gegenstoß bei Preekuln"


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